MILENA IN WIEN

Cornelia Metschitzer, 18.04.2022

Das erste Stück unseres Bühnen-Zweiteilers über die Prager Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Milena Jesenská beginnt im Jahr 1921 in Wien, als sie dort an ihrem Artikel FENSTER schreibt, und endet 1924, wenn sie auf Franz Kafka, ihren geliebten Gefährten, einen Nachruf verfassen muss. Wir sehen, wie sich in Wien aus dem einstigen „Prager Bürgerschreck“ eine hoch talentierte und sensible Journalistin entwickelt, aus einer radikalen Nachzüglerin der Romantik eine tatkräftige und nach Unabhängigkeit strebende Frau.

 

Milenas Elternhaus in Prag

1896 in ein reiches, aber trauriges Prager Elternhaus geboren und 1944 im KZ Ravensbrück nach einer Nierenoperation gestorben, rebellierte Milena nach dem frühen Tod der Mutter, die sie fürsorglich pflegte, wild gegen den bürgerlich-konservativen Vater, zu dem sie zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis hatte. Der bekannte Zahnarzt und Universitätsprofessor wollte die Tochter in seine Fußstapfen drängen, sie durfte das fortschrittliche Mädchengymnasium Minerva besuchen und begann danach ein Medizinstudium. Sie brach es ab und warf sich in die Prager Künstlerszene. Dort verteilte sie Papas Geld, seine Wäsche und sein Essen an arme Schlucker, stahl allerorts, experimentierte mit Drogen und machte ständig Schulden, um zu helfen und zu geben.

 

Als Jan Jesenský seine Tochter daraufhin ein dreiviertel Jahr lang in eine psychiatrische Anstalt stecken ließ, weil sie zu allem Überdruss auch noch den „falschen Mann“ heiraten wollte, attestierte man ihr dort u.a. „moralischen Irrsinn“. Erst bei ihrer Volljährigkeit entlassen, heiratete Milena ihren jüdischen Kaffeehausliteraten Ernst Polak dann doch und floh mit ihm nach Wien.

 

Ihre Wiener Zeit (1918-1924)

Dort, im darbenden Rest-Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, beginnen wir unser Stück VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT und erzählen in Vor- und Rückblenden Milenas Geschichte. Der Titel ist ein Zitat aus ihrem Zeitungsessay FENSTER, denn wenn Milena in Wien vor ihrem Fenster stand, sah sie etwas, was man mit den Augen allein gar nicht sehen kann: Die Welt. Vor dem Fenster liegt die Welt, vor der Tür aber liegt nur die Wirklichkeit, schrieb sie. Eine entzauberte Welt ohne Wunder, eine mechanische Welt, die nur nach dem Realitätsprinzip funktioniert, sie war ihr zu wenig.

 

Milenas Wien-Zeit, sie war in ihrer mühsamen Realität nach dem Krieg herausfordernd und schwer. Weil sich ihr Ehemann zu wenig um sie sorgte, musste die großbürgerliche Tochter am Bahnhof Koffer schleppen, Tschechisch-Unterricht geben und sich als Haushälterin verdingen, um über die Runden zu kommen. Aber sie begann auch Bücher zu übersetzen und übertrug als erste Übersetzerin Franz Kafka ins Tschechische, seine Erzählung „Der Heizer“, die in einer Literaturzeitschrift erschien. Ein intensiver Briefwechsel mit dem später weltbekannten Dichter entspann sich, und auch Milenas eigene schriftstellerische Laufbahn als Feuilletonistin und Journalistin begann.

 

Ihre Anfänge als Journalistin

Ab Dezember 1919 schickte Milena als Wien-Korrespondentin zunächst der kleinen liberalen Zeitung Tribuna ihre Artikel nach Prag. Ihre sozialen Reportagen über einfache Menschen erzählten dabei von anderen Welten als Polaks bürgerlich-intellektuelle Wiener Kaffeehaus-Literaten es taten. Sie erzählten von den kleinen Dingen des Lebens, in denen Milena kraft ihres Scharfsinns und ihrer Sensibilität immer auch die großen Dinge gespiegelt sah. Dabei sah sie auch, was viele andere nicht sahen, wie sich das Private und das Politische stets bedingen und welche Wunder selbst in den unscheinbarsten Dingen stecken. 

 

Immer wieder sehen wir Milena in unserem Stück daher auch an ihrem Schreibtisch sitzen, wo sie einer immer größer werdenden Leserschar in ihren Zeitungsartikeln ihre Erlebnisse, Beobachtungen, Gedanken und Gefühle offenbarte. Wir sehen, wie sie in ihrer offenen Art ihr Lesepublikum auch immer wieder direkt ansprach und ihre subjektiven Sichtweisen stets selbstbewusst vertrat. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie sehr das Franz Kafka imponiert haben muss, der ihr Schreiben verehrte wie sie das seine. Aber da Milena furchtlos war und sich nicht – so wie er – hinter der eigenen Literatur versteckte, sehen wir Milena ganz klar vor uns in ihrem Werk. Es bot sich daher an, in unserem Stück auch immer wieder Auszüge ihrer Zeitungsbeiträge einzuarbeiten, die wir als O-Ton über stummes Spiel legen, um zu zeigen, wie sehr ihre persönliche Erlebnisse und Gedanken sie auch für ihre Artikel inspirierten.

 

Die prägendsten Ereignisse

In szenischen Rückblenden sehen wir sodann auch Milenas prägendste Erfahrungen, das langsame Sterben ihrer Mutter, um die sie sich kümmerte, die Verbannung durch den strengen Vater und wie Ernst Polak, ihr geliebter und untreuer Ehemann, sie schon am Bahnhof allein lässt in der fremden Stadt. Wir erleben Milenas quälende Einsamkeit, ihre Verlassenheit in der Fremde, aber auch ihre kleinen Freuden und ihr großes Glück.

 

Ihre imaginären Kräfte

Milenas großes Glück dieser Wiener Zeit, es war die imaginäre und dabei so exzessive Briefliebe mit Franz Kafka. Wir sehen, wie sich beide in sie hineinstürzten, als er gerade zur Kur in Meran weilte, sehen, wie sie im Sommer 1920 gemeinsam viereinhalb glückliche Tage in Wien verbrachten, wie sie sein Lichtblick wurde, und wie er dann aber wieder zurückkehrte in seine Angst, die sie mit ihren Augen nur kurz niederstrahlen konnte. Wir sehen die Zweifel und Schuldgefühle, die er ihr hinterließ und wie Milena in einer sehr schwachen Stunde von ihrer Hausbesorgerin Pani gerettet wurde, die sie in einem Artikel als ihre beste Freundin verewigt hat. Wir erfahren, was beide Frauen durch die Wiener Hungerjahre nach dem Ersten Weltkrieg brachte, warum Milena auch in Wien stahl und ins Gefängnis musste und dass ihr das aber wenig auszumachen schien, da hinter der verschlossenen Tür eben nur die Wirklichkeit wartet und nicht die Welt.

 

Bis heute lässt uns Milena in ihren wunderschön fließenden, pointierten, philosophischen und poetischen Artikeln, Feuilletons und Reportagen in ihr innerstes Wesen schauen. Wir sehen dabei auch ihre dunklen Seiten, zu denen sie aber immer stand, weil sie zum Menschsein einfach dazugehören. Wir hören, was sie über das Kino schrieb, das Kafka und sie liebten, sehen, wie Milena die Welt sah, auch ihr eigenes Leben, nämlich positiv trotz allem und voller Wunder, sehen, woran ihr Blick sich schärfte, an dem scheinbar Unscheinbaren, und worauf es ihr ankam in ihrem Schreiben: Tief unter alle Oberflächen zu schauen und die Welt durch Verständnis zu bereichern.

 

Eine Schlüsselszene im Stück ist, wie Milena als Backfisch zur Erkenntnis kam, dass ein Schmerz nicht endlos sein muss und dabei schlagartig erwachsen wurde. Auch welch innere Kraft sie aus dieser Erkenntnis zog für ihr weiteres Leben. Sie erkannte damals, dass man auch den größten Schmerz selbst lindern kann und sich wieder aufrichten durch die Kraft des eigenen Bewusstseins und der Imagination.

 

Ihre Beziehung zu Kafka

Ihre imaginäre Briefliebe mit Franz Kafka war es dann auch, die Milena wahrscheinlich durch ihre harten Wiener Jahre rettete und die sie vielleicht erst zu jener Frau werden ließ, als die sie später wieder in ihr geliebtes Prag zurückkehren sollte. Nach Kafkas Tod im Jahr 1924 und ihrer schmerzhaften Scheidung von Polak begann dort für Milena ein neues Leben. Wie die Stadt selber, die aufblühte und nach dreihundert Jahren Monarchie-Zugehörigkeit ein Zentrum der Moderne wurde, blühte auch Milena auf. Ein sehr guter Boden Altneulands also, um auch als Einzelne in die Unabhängigkeit zurückzukehren. Aber das werden wir erst in unserem zweiten Milena-Stück ab Herbst zeigen.

 

Im ersten Teil soll es vor allem um die Verbindung von Milena und Kafka gehen, denn Kafka war so prägend auch für Milenas weiteren Weg, dass sich damit erahnen lässt, warum sich Milena von dieser radikalen Nachzüglerin der Romantik zu einer tatkräftigen und bodenständigen Frau entwickelte, deren Hilfsbereitschaft und Toleranz später bis zur Selbstzerfleischung gingen.

 

Die Geschichte von Kafka und Milena ist eine von Legenden umwobene und auch unser Stück will nicht nur Fakten wiedergeben, sondern ganz im Stile Milenas, wenn sie über andere Menschen schrieb, auch Empathie und Vorstellungskraft miterzählen lassen. Es geht darum, neben den biografischen Fakten auch die seelische Tiefe und die imaginären Kräfte, die diese Beziehung durchwirkten, mit zu erfassen und aus den Quellen heraus eine Stimmung zu erzeugen, die nachfühlbar macht, wie schön und tragisch zugleich diese Liebe gewesen sein muss. 

 

Dass es eine gewaltige Liebe gewesen sein musste, steht außer Zweifel. Milena und Kafka, sie wurden ein Liebenspaar, zumindest für kurze Zeit in langen Briefen, die ab Frühling 1920 zwischen Meran und Wien hin und her wechselten, oft mehrmals am Tag. Und da redeten zwei, die bald viel voneinander wussten, weil sie einander sofort vertrauten und es in beider Leben Sehnsüchte gab, die wechselseitig gestillt werden konnten, zumindest in ihrem Schreiben.

 

Er bedankte sich zunächst bei ihr für ihre Mühe des Übersetzens, für ihre Worte, und dass sie ihm zuhörte. Dann wurde die Korrespondenz rasch inniger. Von Kafka, der 13 Jahre älter war als sie und den sie Frank nannte, bekam Milena endlich die Fürsorge, die sie von ihrem Mann entbehrte. Wie ein Sturm ist sie in Kafkas Zimmer gefallen und er schloss das Fenster nicht, er machte es ganz weit auf. Ließ sie herein und spürte sie im Geiste neben sich. Er liebte ihren Schreibstil, ihre impulsive Offenheit, ihren klaren Blick, ihren wilden Lebensdrang. Er spürte ihre ganze Kraft und trank sie aus den Briefen wie seine Milch, um sich davon zu nähren. Er dankte ihr, dass sie keine Angst hatte vor seiner Angst. Und auch dafür, dass sie ihn zu trösten versuchte, obwohl sie ihn selber so bitter nötig hätte, den Trost.

 

Nach mehrmonatigem Briefwechsel wollte Milena ihren Frank dann endlich sehen und bat ihn, auf seiner Rückreise von Meran nach Prag in Wien vorbeizukommen. Aber Kafka zögerte, zauderte, hatte eine fürchterliche Angst vor Entzauberung. In den Briefen tat er sich um ein Vielfaches leichter, ihr nah zu sein, ihr alles anzuvertrauen, seine Krankheit, die TBC, seine katastrophalen Verlobungen, seine Schuldgefühle, seine Schlaflosigkeit und wie er sich fühlte in der Welt.

 

Kafka, das weiß man von ihm selbst, fühlte sich von Milena verstanden wie von niemandem sonst auf der Welt und sie schaffte es auch, ihn zu beruhigen und seine Ängste und Zwänge zumindest zeitweise zu besänftigen. Und als er dann endlich einer leibhaftigen Begegnung zustimmte, als sie sich endlich in die Augen sehen konnten, fühlte er sich sogar kurz ganz frei.

 

Diese geheimnisvollen viereinhalb glücklichen Tage in Wien im Sommer 1920, die wir in unserem Stück fantasiereich rekonstruieren, sie sollten jedoch zum Wendepunkt in Milenas und Kafkas Briefbeziehung werden. Hätten sie sich besser nicht treffen sollen in Wien? Da ich Dich liebe, liebe ich die ganze Welt, schrieb er ihr, als er wieder zurück in Prag war und seine ganze Zwanghaftigkeit brach erneut aus ihm hervor.

 

Nach Wien wollte Kafka Milena unbedingt bei sich in Prag haben, das nötige Geld wollte er zur Verfügung stellen, aber sie wollte nicht zu ihm nach Prag. Als er es begriff, kehrte sein Husten zu ihm zurück, und wieder die Angst. Trotzdem waren sie sich immer noch nah. Es muss eine sonderbare Nähe gewesen sein, wie in einem Traum. Nach dem Schweiß ihrer Körper nun wieder die eingetrocknete Schrift. Kurz hatte Kafka in Wien Milenas Körper gespürt. Er, der körperliche Nähe sonst nicht aushalten konnte. Musste er sich nun beweisen, dass er es doch schaffte, mit jemandem leben? Sich? Seinem Vater? Ertrug er es nicht, dass sie ihr Leben teilte mit Polak in Wien? So, dass er sich fühlte wie eine Maus, die nur einmal im Jahr über ihren Teppich laufen durfte?

 

Jedenfalls verfiel Kafka in eine bipolare Stimmung, die zwischen euphorischer Sehnsucht und Trauer und Schmerz pendelte. Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit mischten sich nach und nach dazu und sie sollte sogar sein Messer werden, mit dem er in sich wühlte. Wahrscheinlich aus Selbstschutz blieb ihm letztendlich nichts anderes übrig, als sich wie ein verwundetes Tier von ihr zurückzuziehen.

 

Viele Fragen tun sich auf, warum sie für ihn so übermächtig wurde, dass er sich wie ein Waldtier fühlte, das sich nur kurz bei ihr niederducken durfte, wie es in einem seiner Briefe an sie steht. Waren sie trotz ihrer tiefen Seelenverwandtschaft doch zu verschieden? Sie trotz allem ein lebensbejahender Mensch, er ein sonderbarer Einzelgänger, der nur manchmal in Gesellschaft lustig sein konnte, dann aber so richtig. Einer, der zögerte, sich auf das Leben, auf die Sitten und Normen der Gesellschaft einzulassen. In seiner ständigen Schlaflosigkeit, seinem verschleierten Blick zwischen Wachen und Träumen, in dem er manch kafkaeske Figur bzw. Situation schuf, musste er scheinbar immerfort alles bedenken. Verstrickte er sich deshalb immer mehr in den zwanghaften Gedanken, Milena und der Welt nicht genügen zu können?

 

Ihre Schuldgefühle

Und Milena? Wie verkraftete sie Kafkas Rückzug? Konnte sie ihn überhaupt begreifen? Wie reagierte sie auf seine spätere Behauptung, dass er Briefe hasse, weil alles Unglück nur von ihnen ausginge, da es ein Verkehr zwischen Gespenstern sei? Als Kafkas Lichtgestalt hatte sie sein Leid manchmal niederstrahlen können, seine monströse Angst vor der Welt, seine inneren Dämonen und seine Komplexe konnte aber auch sie nicht heilen, hatte Kafka doch heimlich beschlossen, es sich in seiner tödlichen Krankheit, der TBC, einzurichten, um den vielen Zumutungen der Welt zu entkommen. War sie nun seine größte Zumutung geworden, hatte sich plötzlich alles gedreht?

 

Wir wissen aus Milenas Verzweiflungsbrief an Max Brod, dass sie Antworten darauf suchte, die keine Psychoanalyse sein sollten. Ihre „Liebe zum Flug“ hat sie, was Frank betraf, hart aufkommen lassen auf dem Boden der Realität. Ihre Loslösung von ihm war schmerzhaft wie kein Abschied davor.

 

Zuvor hatte ihr Kafka verboten, ihm weiter zu schreiben und kehrte dann sogar wieder zurück zum Sie, als er sein Schreibverbot selbst durchbrach. Milena blieb mit einem tiefen Schuldgefühl allein zurück und hatte den Drang, sich zu rechtfertigen. Sie tat es bei Max und schrieb ihm, warum sie nicht zu Kafka nach Prag kommen wollte, um mit ihm zu leben. Mehr als nach dem Fliegen sehnte sie sich nämlich nach einem Leben, das der Erde viel näher wäre. Ihr Ja zum sinnlichen Leben, ihr Nein zur Askese, das waren ihre Gründe trotz ihrer großen Liebe zum Flug, trotz ihrer romantisch-dunklen Seite. Ob sie dies auch vor Kafka selbst so äußerte?

 

Ihre verschollenen Briefe

Man weiß es nicht. Milenas Briefe an ihn sind unglücklicherweise bis heute verschollen, während seine an sie zu Weltliteratur kristallisierten. Und so bleibt uns nur ihr atemberaubender Nachruf auf den geliebten, verlorenen Gefährten, den sie für ihre Prager Zeitung schreiben musste. Früher als alle anderen hatte Milena geahnt, was sich da mit Kafka gerade Gewaltiges heranschrieb an die Weltliteratur. Und niemand sonst hat nach Kafkas Tod 1924 so treffende Worte über ihn gefunden wie Milena Jesenská es tat.

 

WUNDER

Cornelia Metschitzer, 27.03.2022

Nicht müde werden, nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Das sind Gedichtzeilen von Hilde Domin, die uns auch heute wieder Kraft geben können, Kraft und Mut. Wer hätte geglaubt, dass uns Kraft und Mut je ausgehen würden? Wir brauchen doch alle keine Helden mehr sein, und auch keine Heldinnen, sondern dürfen sie wieder dankbar annehmen, solche Worte.

Oder Kafka. Was er einst schrieb, es hat Gewicht und Gültigkeit bis heute in seiner ganzen Heldenlosigkeit, die auch die unsrige wieder geworden ist. Aber Kafka ist eben das Gegenteil von Rhetorik. Bei ihm kommen nicht aus der Verzweiflung Helden, sondern aus dem Zweifel Antihelden. Er selber zögerte wie vor der Geburt. Doch die dunklen Mächte bemächtigten sich seiner von innen her. Die einzelne Seele, eine große und eigene böse-schöne Welt? Milena, mit der Kafka viele rettende Briefe schrieb, Milena Jesenská, sie war eine mutige Journalistin, bezahlte dafür letztlich mit ihrem Leben, und rettete das von anderen Menschen. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, nicht zu helfen. Sie zögerte nie, sich ins Leben zu stürzen und tat, was sie tun musste. Ohne viel nachzudenken dabei. Gleichzeitig schrieb sie an gegen die Entzauberung der Welt. Noch im KZ versuchte sie mit ihren Augen das Leid niederzustrahlen. Natürlich darf man auch sie nicht verklären. Denn als Heldin hätte sie sich nie gesehen. Moral war ihr suspekt. Wegen „moralischem Irrsinn“ wurde sie schon als junge Frau in die Psychiatrie gesperrt. Sie kriegte von der Wärterin einen Schlüssel und später knackte sie Kafkas Schloss. Sie war die erste, die ahnte, was sich da mit ihm Gewaltiges heranschrieb an die Weltliteratur. Wurde seine erste Übersetzerin ins Tschechische. Kafka, er schrieb Liebesbriefe an Milena, wo man sein Herz offen da liegen sieht, und er schrieb gleichzeitig unheimliche, ja grausame Erzählungen. Diese oft in wachtraumartigem Zustand. Schreiben war ihrer beider Liebe. Aber da Kafka dann doch noch auf die Welt gekommen war, scheinbar ohne Augenlider, weil er doch nie schlafen konnte, musste er alles sehen und alles bedenken. Das Licht von Milenas Augen begann ihn zu blenden und er zog sich zurück in seinen dunklen Wald. Dort sprach er den weisen Satz, dass man sich eher vor seinen vermeintlich guten Taten fürchten solle.

Irrtümer sind menschlich, Krieg ist unmenschlich, aber von Menschen gemacht. Kriegsrecht wird gebrochen, auch wenn es grotesk klingt, dieses Wort: Kriegsrecht. Und halten tut es auch nicht. Die großen Worte, sie halten nicht, was sie versprechen, die klugen Worte, sie gehen uns aus. Aber die Welt nur mit dem Verstand erfassen zu wollen, nur mit Statistiken, da fehlt doch was? Da fehlen Gründe und Abgründe. Manche beten jetzt wieder zu einem Gott, an den sie nicht mehr glauben wollten. Dabei ist der Glaube das größere Wagnis, nicht das Denken, sagt Kierkegaard. Abraham hatte schon das Messer an seinen Sohn Isaak gelegt, aber der Vater hatte Vertrauen, dass alles gut ausgehen würde für sich und seinen Sohn. Dieses Bild hat sich in Kierkegaard eingebrannt und er wollte Gott selber ein Opfer bringen, sich. Kierkegaard suchte nach einer Wahrheit, nach einer Idee, für die er als Einzelner bereit war zu leben und zu sterben. Allgemeine Wahrheiten und Gedankengebäude, in denen er selbst nicht leben konnte, lehnte er ab. Und so legte er sich an mit vielen, auch mit der Kirche, besonders mit der Kirche. Aber er liebte Jesus. Wer sollte Jesus nicht lieben können? Man muss dafür nicht einmal ein religiöser Christ sein. Man kann Jesus lieben wie einen Menschen. Das ist ja das Grandiose! Es gäbe auch heute wieder viel Arbeit für ihn, viel Hilfe zu leisten, viele Wunder zu vollbringen, viel Schuld aufzusammeln. Verschuldete, mitverschuldete und unverschuldete Schuld.

Gedankenlosigkeit kann sehr gefährlich sein. Gedanken können auch sehr gefährlich sein. Viel gefährlicher als man denkt, und das nicht nur, wenn sie sich in Kriegszeug verwandeln. Wenn auf wirre Ideologien systematisches blutiges Handeln folgt für das scheinbar einzig gültige, einzig gute Ziel. Hat man das Ziel einmal für einzig und gut befunden, werden alle Mittel Recht. Alles, was sich diesem Ziel in den Weg stellt, wird geopfert. Bis man vielleicht das Grauen vor sich selber in sich aufsteigen spürt und man sich rasch einen nächsten Mythos baut, um nicht in den eigenen Abgrund schauen zu müssen.

Auch wenn man das vermeintlich Gute will, kann es ins Schlechte, ja ins Böse kippen. Obwohl man es gar nicht wollte, im Gegenteil. Oder es nicht sah durch eine fatale Verblendung. Weil man nicht oder zu sehr geglaubt hat. Weil man eine andere, eine bessere Welt wollte.

Da muss ich sofort auch an die Ulrike denken, Ulrike Marie Meinhof, deren Lebensgeschichte mich zutiefst berührt und mir unendlich zu denken gibt. Ihre Metaphysik war zunächst schön, doch aus ihren klugen, religiösen und humanistischen Gedanken wurden später gewaltsame Phrasen. Sie wollte das Gute für alle Menschen. Das klingt gutmütig, kann aber auch brandgefährlich sein. Sie kämpfte zunächst in der Anti-Atomwaffen-Bewegung, zusammen mit ihrer Ziehmutter. Ihre Eltern verlor sie früh. Dann geriet sie an die falsche Clique. Sie geriet in die Ideologie. In ein Knäuel, aus dem sie nicht mehr herausfand, obwohl oder gerade weil sie klug war und sensibel. In dieser Clique wurde mit Ideologien Geschäfte gemacht. Das Geschäft war das Wort. Sie verschrieb sich einer einschlägigen Zeitung. Aber die Schlüsselszene von Ulrikes Tragödie ereignete sich im Leseraum einer Bibliothek. Als sie dabei mithalf, den Gefängnis-Freigänger Andreas Baader zu befreien. Die Befreiungsaktion geriet aus dem Ruder. Am nächsten Tag prangte ihr schwarz-weißes Bild in allen Blättern, an allen Wänden. Ulrike Meinhof wurde das Gesicht der RAF. Sie wurde medial an den Pranger gestellt. An diesem Pranger, nicht erst im Gefängnis, als sie sich erhängte, hat sie ihr Leben verloren. Sie konnte nicht mehr zurück.

Auch sie war vielleicht eine Kierkegaard, eine Kafka, eine Milena, nur in einer anderen Zeit, umgeben von anderen Phänomenen, hineingeboren in eine herzlose Welt, die im wiederaufgebauten Schein keine Kritik ertragen konnte. Auch Ulrike, die irgendwann begann, Gewalt gutzuheißen, für einen höheren Zweck, wurde selber das Opfer von Gewalt.

 

Wie weiß man, ob es der richtige Weg ist, den man geht, wenn erst die Rückschau zeigen kann, wohin er dich geführt hat? Was also wäre der richtige Weg? Welche Schilder stehen dort zur Orientierung und wer hat sie eigentlich aufgestellt? Wohin soll man gehen, um sich nicht zu verirren, um sich zurechtzufinden und möglichst unbeschadet zu bleiben dabei und v.a. auch keinem anderen Schaden zuzufügen? Nicht nur in Krisenzeiten ist die Vernunft in vielen Menschen nicht mehr erreichbar. Aber die Vernunft ist auch sehr hoch oben und schaut angewidert auf diejenigen herab, die noch glauben können und nicht nur wissen wollen. Glauben jedoch kann leicht ins Irreale, ja Irrationale kippen. Aber kann man nicht auch durch das Licht der Aufklärung so geblendet sein, dass man nichts mehr sieht? Kann uns der Fortschrittsglaube nicht auch an den Abgrund führen, wenn man zu fasziniert ist von all den Möglichkeiten des Geistes und der Technik? Der Fortschritt darf nicht angezweifelt werden, sonst säßen wir weiterhin auf den Bäumen, aber wenn der Fortschritt selbst wieder zum Mythos wird, wenn er die Grenzen des Denkbaren überschreitet, wenn er durch Eigenfaszination auch gefährlich werden kann in seinem Größenwahn? Wenn er neue Abhängigkeiten schafft, dadurch letztlich die Katastrophen befeuert, die er doch eigentlich so gern verhindern will?

Vielleicht ist es das Zuviel an Berechnung, das Zuviel an Nützlichkeitsdenken, die mir den Fortschritt verleiden? Und deshalb habe ich wahrscheinlich auch kein Smartphone und deshalb bin ich auch nicht auf Facebook und deshalb fühle ich mich auch so in der Kunst daheim. Dort ist das Intuitive noch nicht verpönt, das Erspüren der Welt. Dort kann man noch an Tabus rütteln und das Verborgene zeigen. Man kann dort Menschen und Welten entwerfen, die die Widersprüchlichkeiten allen Fühlens, Denkens und Handelns aufzeigen. Man kann in der Kunst v.a. auch neue Welten schaffen und dem Wunder leise die Hand hinhalten wie einem kleinen Vogel. Warum genügen uns Wunder nicht, warum braucht man immer eine Erklärung, fragte schon Milena. Fürchtet man sich dann, in die Esoterik-Schublade gesteckt zu werden? Jedoch nichts ist irrealer als die Geldwirtschaft, nichts ist irrationaler als der Krieg.

Das Irrationale, wie es auch in Kafka tief im Innersten wütete, ist nicht zwingend das Gegenteil von Vernunft. Kafka wirkte sehr strukturiert, denn er fühlte sich fremd in der Welt. Sie machte ihm Angst. Auch er lebte in einer Umbruchszeit, auch er lebte unter Seuchen und Krieg. Aber Kafka lächelte. Und auch unter seinem blauen Anzug des Versicherungsangestellten sah man seine dunkle Seele nicht. Aber manchmal in seinen Augen. Immer saß er da, meistens stumm, und nickte lächelnd. Doch das Misstrauen ist schon länger unter uns als alle Seuchen. Unser kindliches Vertrauen haben wir verspielt. Ich möchte wieder unschuldig und arglos sein dürfen wie die Kinder. Ich möchte wieder groß denken können, ohne mich vor meinen Gedanken fürchten zu müssen. Wenn man zu viel nachdenkt, wird man verzagt oder verrückt. Man will nicht aus der Bahn geworfen werden, nicht ins All fliegen und unkontrolliert Purzelbäume schlagen.

Die Macht der Gedanken. Wenn Milena in Wien vor ihrem Fenster stand, sah sie etwas, was man mit den Augen allein gar nicht sehen kann. Die Welt. Vor dem Fenster liegt die Welt, vor der Tür aber liegt nur die Wirklichkeit, schrieb sie. Eine entzauberte Welt ohne Wunder, eine mechanische Welt, die nur nach dem Realitätsprinzip funktioniert, sie war ihr zu wenig. In einem ihrer Texte heißt es so schön: Du blickst in die Gesichter von Menschen und in die Gesichter von Tieren, und es kommt dir vor, als wüsstest du etwas, was sie nicht wissen. Im stillen streichelst du sie, und du wunderst dich, wie seltsam sie leben und wieviel Arbeit sie brauchen, um essen, wohnen, lieben und fühlen zu können. Milena kannte die Geschichten dieser Menschen und Hunde nicht, weder ihre Namen, noch andere Details, aber sie konnte sie sich vorstellen kraft ihrer Fantasie und Empathie. Und die Welt dieser anderen erschloss sich ihr gerade im Nichtwissen und in einem einzigen Augenblick. Die eigenen Bilder, sind sie nicht oft größer als die Wirklichkeit selbst und haben sie nicht eine einzigartige Kraft? Und sind diese imaginierten Bilder nicht manchmal die besseren, da man sie sich selber ausmalen kann? Auch auf die Gefahr hin, dass man sich in ihnen verliert, in ihnen verschwindet? Sich verirrt in den Labyrinthen des eigenen Bewusstseins? Solange man weiß, dass man sich verirren kann, ist es gut. Wenn man aber nicht mehr weiß? Zu gut weiß man jedenfalls von den eigenen inneren Kämpfen, deshalb traut man auch den anderen draußen alles zu. Es ist überall gefährlich geworden. Drinnen und draußen. Umso verzweifelter beginnt man zu suchen. Die unbehauste Seele sucht ein Zuhause, wo sie manchmal Ruhe finden kann und Trost. Gerade in Krisen- und Kriegszeiten. Man spürt sich wieder als Mensch und beginnt das Leben zu lieben, auch wenn es schwerer ist denn je. Auch wenn man nur schreckliche Bilder sieht, die man sich gar nicht vorstellen will. Es berührt aber nur das, was man sich auch vorstellen kann. Statistiken können das Leid der einzelnen nicht ermessen. Es bleibt abstrakt, berührt nicht. Man braucht eine berührbare Seele in einem verwundbaren Körper. Das wäre doch der Mensch?

Jeder Mensch braucht etwas, an das er auch glauben kann. Und wenn er sagt, er glaube an nichts, ist selbst das ein Glaube. Doch die Metaphysik verschwand immer mehr. Wurde suspekt oder töricht. Das Wissen hat dem Glauben den Rang abgelaufen. Das Sichtbare und Messbare wurde das Gültige. Die menschlichen Innenräume bleiben verschlossen, das Unbewusste bleibt unberechenbar. Aber auch innere Kämpfe können dich zerreißen wie Bomben. Auf welches Fundament lässt sich bauen, ohne fundamentalistisch zu werden?

Das Leben steht nie still. Kein allgemeines Gedankengebäude kann es daher einhausen. Allgemeine Erkenntnisse trösten den Einzelnen kaum. Wir alle aber brauchen Trost, denn es ist wieder viel Trauer in die Welt gekommen. Kierkegaard, ihm sollten wir jetzt wieder mehr zuhören. Dem Denker des Paradoxen. In unserer paradoxen Zeit. Wie sollen wir leben, uns verhalten zu uns selbst und zu den anderen? Lebenskunst ist bei ihm alles andere als ein Wellness-Begriff, er ist existentiell. Der Einzelne, wie kann er seinem Zweifel, seiner Angst entkommen? Indem er sich Sinn sucht? Durch sinnvolles Handeln, gemein- und eigennützig zugleich? Es kommt auf jeden einzelnen an, sagt auch Milena. Und Kafka lächelt. Er hat gut lächeln, hat sich hinter seiner Krankheit versteckt, gepanzert wie ein Käfer. Er sah vieles, und seine Parabeln sind schrecklich. Ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch, der auch dort noch wachsam blieb, wo die anderen sich bereits sicher fühlten, wie Milena in ihrem Nachruf auf den geliebten Gefährten schrieb. Der einzige „Brief“ von ihr an ihn, der nicht verschollen ist. Aber da war Kafka schon im unbebauten Teil der Welt. Die bessere Adresse momentan, hinter dem Mond? Als auch Rilke dorthin übersiedelte, gratulierte ihm Marina dazu und hörte nicht auf, ihm zu schreiben. Marina Zwetajewa, die russische Dichterin, weil er nicht gestorben war in ihrem Herzen. Der Strick, den sie sich um den Hals schlang, später, war auch eine Flucht. Aber wohin soll man fliehen, wenn man es auf der Welt nicht mehr aushält? In den Wahnsinn? Dort wohnen doch ach so viele schon.

Auch Kafka war ein Flüchtling, aber er floh nicht, wie manch anderer Genius, in intellektuelle Irrtümer, sondern zeigte sie auf, die Macht und Ohnmacht, die ganzen Paradoxien, die ganzen Missverständnisse, die auch unverschuldete Schuld der Menschen und ihren grotesken Überlebenskampf als Mäuse und Käfer und Maulwürfe. Ohne Zeigefinger, ohne Zynismus, sondern kafkaesk aus sich selbst schöpfend, in sich selbst wühlend. Und dabei doch auch immer noch an Wunder glaubend wie ein kleiner Bub. Der er nie sein durfte, weil er schon so früh besiegt worden war von seinem eigenen Vater.

Es gibt Wunder auf der Welt, die allen gehören, schrieb Milena in ihrem Fenster-Essay. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt lebt man mit ihnen, ohne sie zu bemerken, doch dann tauchen sie plötzlich vor einem auf, so tröstlich, so kostbar. Man muss nur an sie glauben können, an ein wenig Metaphysik, auch wenn man ein der Erde und dem Leben zugewandter Mensch sein will. Aber das schließt sich nicht aus. Nichts schließt sich aus. Vielleicht wäre das ja ein halbwegs gültiger Satz.

 

KUNST IN DIESER ZEIT

Cornelia Metschitzer, 31.12.2021

Beginnen soll es hier damit, dass die Kunst zur Sprache kommt. Aber nicht Kunst generell, sondern Kunst in der momentanen Zeit. Und wie schwierig sie zu machen ist, wenn man nicht Weltflucht betreiben will und wenn man sich individuell mit dem unmittelbaren Heute auseinandersetzt.

 

Vielleicht erscheint die Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung gerade nicht so wesentlich. Die Gesundheitskrise hat sich zu einer allumfassenden Krise ausgewachsen durch die unerwartet lange Dauer der Pandemie. Und alle sind damit beschäftigt, die Schäden zu minimieren, die Kernbereiche des Lebens aufrechtzuerhalten und dazu beizutragen, dass diese schwierige Zeit hoffentlich bald zu Ende geht.

 

Trotzdem ist auch der Kunstbetrieb ein lebendiger Organismus im Gesellschaftsgefüge und nicht isolierbar aus der Zeit. Menschen in der Kunst haben große Sensoren für das sie Umgebende, horchen aber auch sehr in sich selbst hinein. Der Künstler, die Künstlerin sind in ihrer Zeit verhaftet, gleichzeitig sind sie aber auch in einer Parallelwelt, da sie auch in ihren Werken leben. Kunst hört auch in den Lockdowns nie auf, weil man sie immer mit sich herumträgt.

 

In trostlosen Phasen kann Kunst auch in der Öffentlichkeit einen besonderen Beitrag leisten, diese seelisch besser zu meistern. Das gilt für die Kunstschaffenden selbst, die weiterarbeiten müssen, weil sie nicht anders können, aber auch für ein Publikum, das man weiterhin erreichen will. Und das ebenfalls weiter erreicht werden will, wenn auch nicht in der üblich großen Zahl. Kunst ist in einer Zeit wie dieser vielleicht sogar noch wichtiger als sonst. Denn sie kann Mut machen und Bewusstsein schaffen, sie kann kurzfristig ablenken vom Elend, sie kann Sorgen und Nöte aber auch thematisieren und damit anschaulich machen in veränderter Form. Vor allem aber kann Kunst Geschichten erzählen. Ganze Geschichten jenseits des Tagesaktuellen, wo Figuren aus Fleisch und Blut in ihrer jeweiligen Situation fühlen, denken und handeln und wo diese Menschen nicht nur in ihrem Jetzt erzählt werden, sondern auch, wie und warum sie so geworden sind und warum sie so denken und handeln, wie sie es eben jetzt gerade tun.

 

WUNDALAUND

Die Gegenwart ist flüchtig und in Corona-Zeiten noch viel mehr. Alles kann sich über Nacht plötzlich total umdrehen und deshalb versuchten wir in unseren bisherigen Lockdown-Projekten wie etwa bei unserer Triple-CD WUNDALAUND größere Gedankenbögen zu spannen, die von Corona weg ins Allgemeinere führen. Gleichzeitig gibt es hier aber auch die zutiefst subjektive Sicht einer Protagonistin, die zu Corona plötzlich mit ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit konfrontiert wird. Keine direkte Auseinandersetzung also mit den täglichen Ereignissen unserer Zeit, sondern eine mit anderen Frauenschicksalen verflochtene Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, in denen sich aber auch allgemein wiederkehrende Muster zwischen Macht und Ohnmacht abbilden. Muster von oft unsichtbarer männlicher Gewalt, die nicht nur in persönlichen, sondern auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu Leid, Armut, Ausbeutung und Abhängigkeit führen. Und die man gerade jetzt zu Corona auflösen könnte, wo der ganze alte Dreck wieder zum Vorschein kommt.

 

Die Zusammenschau von persönlichen und strukturellen Problemen auf metaphorische, poetische und musikalische Weise ist ein außergewöhnlicher künstlerischer Zugriff auf die momentane Realität und weist weit über sie zurück und hinaus. Und das ebenfalls auf sehr subjektive Art. Es soll ein nicht anmaßender, nicht schlau wissender Zugriff sein. Einer aber, der gerne berühren möchte, und wo die Kritik ebenfalls künstlerisch verbrämt wird und weder moralisieren noch anklagen will. Die in der romantischen Tradition stehende Erzählung setzt aber auf die sensible Wahrnehmung eines Publikums, das quasi durch die Wand mithören kann, was die Protagonistin und ihr Mann in einer Mondnacht im ersten Corona-Sommer in ihrem Haus reden, denken und fühlen. Man wird dabei Zeuge fürchterlicher, aber auch wunderbarer Geschichten, fürchterlicher, aber auch wunderbarer Gedanken und vor allem eines Bewusstwerdungsprozesses, der aus den alten Ängsten, Zwängen und Abhängigkeiten führen soll. Und der auch für die gesamte Gesellschaft wünschenswert und auch bitter notwendig wäre, um in eine heilere Zukunft zu blicken. Aber dafür muss jede und jeder bei sich selbst zu schauen beginnen, auch wenn es unbequem oder sogar schmerzhaft werden kann.

 

Man muss in einem größer angelegten Werk also einen künstlerischen und inhaltlichen Fokus legen und es dauert auch eine gewisse Zeit, bis das Werk dann auch formal fertig ist. Es kann sein, dass sich dann die Realität gerade wieder gedreht hat und dass man nicht up to date bleibt, weil neue Erkenntnisse hinzugekommen sind oder Dringlichkeiten sich geändert haben. Aber universell und subjektiv bleibt WUNDALAUND in sich schlüssig, zumal man sich spätestens dann, wenn Corona keine Pandemie mehr ist, der Diskussion stellen wird müssen, wie es weitergehen kann auf der Welt, um nicht gleich wieder in die nächste Katastrophe zu schlittern.

 

Kunst über und zu Corona lässt Inhalt und Form auf subjektive und kaleidoskopische Weise zusammenfließen und wird oft das Gegenteil von nüchterner Berichterstattung sein, ohne an gesellschaftlicher Brisanz zu verlieren. Kunst über und zu Corona literarisiert, verfremdet, fokussiert, fantasiert, allegorisiert, verdichtet, verknüpft Dichtung mit Wahrheit und will Zusammenhänge oder spezielle Wahrnehmungen oder Erfahrungen zur Anschauung und Diskussion bringen. In jeder Kunst findet Verfremdung statt, allein durch den künstlerischen Akt selbst, egal, welches Thema man berührt.

 

DAS GEMEINSAME SUCHEN

Wie immer er sich auch gestaltet, dieser künstlerische Akt, es ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen, sich direkt in der Corona-Zeit mit Corona kreativ zu befassen und deshalb ist ein fortlaufendes Podcast-Projekt, wie wir es jetzt mit DAS GEMEINSAME SUCHEN ins Leben gerufen haben, eine sehr passende Form. Auch um vielen verschiedenen Stimmen und Stimmungen, Erfahrungen und Sichtweisen gerecht zu werden und die Perspektiven zu fächern.

 

In unserem neuen Lockdown-Projekt möchten wir nun also die Geschichten von vielen verschiedenen Menschen hören und dabei das Gemeinsame suchen. Ein strapaziertes Wort, das Gemeinsame, aber ein wichtiges, denn Corona hat die Menschen vielfach getrennt, körperlich und auch geistig und emotional. Jede und jeder erlebt die momentane Situation anders, muss auf jeweils eigene Weise fertig werden mit ihr, obwohl wir sie nur gemeinsam stemmen können. Unter all den verschiedenen Erfahrungen und Auffassungen, Verwirrungen und Verwerfungen muss es aber auch einen gemeinsamen Kern geben und den möchten wir aufspüren.

 

Ins Innerste vordringen, das kann Kunst besonders gut, weshalb sie auch eine große Ehrlichkeit zeigt, obwohl sie inszeniert ist. Aber es ist eine offengelegte Inszenierung, ein Schein, der nicht betrügt. In der Kunst kann man auch furchtloser sein als im Leben selbst, weil sie ein Schutzraum ist. Im Kleid der Kunst wird vieles erzählbarer, vieles annehmbarer, was in der Realität verdrängt oder überdeckt wird. Man kann in der Kunst tief nach innen schauen, auch innerste Schäden und Wunden hervorholen und zeigen, wie sie entstanden sind. Diese Zeit gibt uns die Kunst. Und man braucht sie auch. Denn in einer Kunst, die nicht nur Produktionen verkaufen will, ist man immer auf der Suche. Man schöpft aus sich selbst und verwandelt sich, sieht die Realität plötzlich mit anderen Augen. Man weiß zunächst nicht, wo sie einen hinführt, die Kunst. Sie kann auch mit einem durchgehen. Man überwindet dann auch leichter Grenzen. Mit der ungeahnten und treibenden Kraft der Kunst lassen sich Realitäten, Scheinrealitäten und auch Tabugrenzen überschreiten. Es kommt oft zu einer großen Öffnung, einer Öffnung des Geistes und auch des Herzens. Offenherzigkeit in der Kunst ist eine ausgestreckte Hand, die man annehmen kann.

 

Mit unserem Lockdown-Projekt möchten wir genau auf diese Öffnung bauen. Geschichten, Gedanken aus der Realität können durch Kunst umgeformt werden, so, dass man sie auch besser geben und nehmen kann. Das ist gerade bei schwierigen Themen wichtig. Dabei entsteht dann etwas Neues, etwas Anderes, das man nun auch mit neuen und anderen Augen sehen kann.  

 

Ein Kunstprojekt über Gemeinsamkeit ist nur gemeinsam möglich. Das Publikum liefert den Text, wir ummanteln ihn mit Kunst, durchdringen ihn mit Stimme und Musik. Vielleicht ist es kein Ball, den wir auswerfen, vielleicht ist es ein Band. Wir hoffen sehr, dass es ein Band ist und die verbindende Kraft der Kunst auch an diesem Projekt sichtbar werden kann.

 

Vielleicht müssen wir uns alle neu kennenlernen, um uns wieder besser zu verstehen. Vieles kommt gerade in falsche Kehlen. Weil man nicht mehr weiß, wo sie ankommen, die Worte. Weil die Vorstellungen und Meinungen so auseinandertriften zu dem vorherrschenden Thema, das viele schon nicht mehr hören können. Die großen Probleme der Welt verschwinden aber nicht von selbst und sind auch nur gemeinsam zu lösen. Wir können auch Corona nur in gemeinsamen Schritten besiegen. Und alle können dazu etwas beitragen, auch die Kunst. Und auch unsere Zukunft, wo weitere große Herausforderungen warten, wird nur gemeinsam zu meistern sein.

 

VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT

Eine andere Möglichkeit, sich mit unserer Zeit künstlerisch zu befassen, ist es, Biografien und Geschichten aus der Vergangenheit zu finden und zu erzählen, die auch uns Heutigen noch viel sagen und geben können. Das machen wir mit VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT, unserem kommenden Theaterstück über Milena Jesenská. Im Zuge unserer Kafka-Recherchen haben wir diese mutige Prager Journalistin wiederentdeckt, die als Kafkas innige Briefliebe bekannt geworden ist, deren eigene Lebensspuren aber kräftig genug sind, dass man ihnen nachgehen sollte.

 

Milenas Leben fiel in eine sehr bewegte Zeit mit zwei Weltkriegen, einer Epidemie und vielen sozialen Spannungen. Trotz aller Herausforderungen ihrer Zeit und vielen privaten Höhen und Tiefen verlor Milena aber nie den Mut. Auch nicht, als ihr Arztvater sie viele Monate in die Psychiatrie stecken ließ, wo man ihr u.a. „moralischen Irrsinn“ attestierte.

 

Wir werden Ihnen Milena als sehr mutige und offenherzige Frau näher vorstellen, als eine vielschichtige und widersprüchliche Frau, die auch ihre dunklen Seiten nicht verbarg und immer für sie einstand. Die schon als Mädchen Normverletzungen machte, die sie jedoch auch zur späteren Widerstandskämpferin prädestinierten. Schon als Kind übernahm Milena für ihre sterbenskranke Mutter soziale Verantwortung, indem sie sie pflegte. Später, während der Nazi-Zeit, rettete sie dann durch ihre Unerschrockenheit und ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft vielen Menschen das Leben.

 

Milena war in jeder Hinsicht eine Grenzgängerin, ihr Lebensweg voller radikaler Wendungen, aber sie folgte ihren Überzeugungen mit einer Geradlinigkeit und Selbstlosigkeit, wie man es vermutlich nur selten findet. Und ihre große Sensibilität und innere Stärke schienen sich dabei nicht im Weg gestanden zu haben. Milena war auch voller Leidenschaft für ihren Beruf und die Stimmungen, die sie in ihren Reportagen und Feuilletons einfing, zeugen bis heute von Liebe und Empathie. Gleichzeitig war sie auch eine entschiedene und kluge Querdenkerin, was ihr auch manchmal den Job kostete. Dann musste sie auch manchmal Bettelbriefe schreiben anstatt Zeitungsartikel. Aber es war nicht beschämend für sie, helfen ist doch ganz normal, oder? Jedenfalls hat Milena immer allen geholfen, ob Freund oder Feind, und es wäre ihr völlig wesensfremd gewesen, aus ideologischen Gründen oder persönlichen Kränkungen Hilfe zu verweigern: „Wir sind keine Richter und lassen Sie uns bitte keine Moralisten sein. Wir sind Menschen. Und es ist notwendig, auch einem Feigling zu helfen…“, schrieb sie einmal an eine Leserin, die Rat bei ihr suchte. 

 

„Politische Artikel müssen geschrieben werden wie Liebesbriefe…“, auch das ein Zitat Milenas, das sie charakterisiert. Den Menschen hinter dem „Feind“ auszumachen, sei es in privaten oder politischen Zusammenhängen, war sicherlich eine der größten Stärken von Milena Jesenská in ihrem Leben und in ihrem Schreiben. Diese Frau kann uns Heutigen wirklich ein großes Vorbild sein.