DAS WÄRE SCHÖN!

Über die Kraft des Theaters und wie es sich mitverändern kann // Cornelia Metschitzer, 03.11.2022

Die lange Dauer der Pandemie, weitere schwere humanitäre Krisen, wie nun der Krieg in Europa, ein stark verändertes Freizeitverhalten tragen dazu bei, dass dem Theater das Publikum spürbar abhandenkam. So auch uns. Aber es wäre zu einfach, das nur mit den Krisen zu erklären. Theater hatte es immer schon schwer und es mussten schon immer viele Anstrengungen unternommen werden, die Menschen ins Theater zu holen.

 

Immer wieder beschwören wir Bühnenvolk die große Wichtigkeit des Theaters für die Gesellschaft gerade dann, wenn schwere Zeiten ausgebrochen sind. Aber was sagt das all den vielen Menschen, die nicht ins Theater gehen? Diese Menschen muss das Theater gewinnen. Und das am besten schon in der Kindheit. Nur wer Theater selbst schon mal erlebt hat, seine Kraft, seine Faszination, kann ermessen, was damit eigentlich gemeint ist.

 

Grundsätzlich sind wir zuversichtlich, dass das Theater weiterhin bestehen kann, aber nicht so, wie es gerade dasteht. Denn auch das Theater muss sich mitdrehen im Karussell der Zeit. Als öffentlicher und gemeinsamer Ort bleibt es aber in unserer multimedial geprägten Zeit ein leidenschaftlicher und wundersamer Ort der Begegnung. Was sich zwischen Menschen abspielt, hat in der physischen Präsenz eine andere Qualität und Dimension. Gemeinsame Erlebnisse am Theater können viele Überraschungen bergen, viele Fragen aufwerfen, viele Oberflächen durchbrechen. Sich darauf einzulassen, zählt zum Schönsten, Besten und Sinnvollsten, was man in der Welt erfahren kann. Am Theater kann man also tiefe Einblicke in die Menschen, in ihr Fühlen, Denken, Handeln gewinnen. Man kann dabei offen aufeinander zugehen, sich öffentlich und gemeinsam auseinandersetzen mit Stoffen, Themen, Darstellungsformen, auch schmerzhaften, tabuisierten. Und das sollte eine Gesellschaft nicht verlernen. Auch und gerade in so schwierigen Zeiten.

 

Wir müssen alles unternehmen, die Menschen wieder ins Theater zu holen. An diesen einzigartigen und doch so mannigfaltigen Ort, wo das Innen und Außen des Lebens immer wieder neu verhandelt werden kann. Wo alles wie unter der Lupe erscheint, sodass man mehr und tiefer sehen kann als im täglichen Getriebe draußen. Seit Beginn an ist dem Theater eingeschrieben, sich mit dem menschlichen Leben zu befassen. Hierzu baute es sich sein Haus. Theater konfrontiert die Menschen dabei unmittelbar mit sich selbst, ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, auch ihren Widersprüchen, Abgründen. Theater als Live-Erlebnis muss bei jeder Vorstellung den ersten Augenblick neu herstellen. Das Publikum teilt dann diesen Moment. Stets muss man im gleichen Augenblick agieren und reagieren, senden und rezipieren. Das Theater braucht dafür ein offenes Publikum, braucht es nicht nur zum Adressieren, sondern auch als mitwirkende Kraft. Und deshalb kann man nur gemeinsam mit ihm Theaterzukunft denken.

 

Es ist eine Kunst geworden, in der Realität den Erscheinungen und Ereignissen unserer Zeit so zu begegnen, dass daraus etwas Konstruktives entstehen kann. Theater selber ist aber ein Konstrukt, ist eine Welt in der Welt, wo Waffen nicht wirklich töten. Man trifft sich mit seinem Publikum an einem geschützten Ort, wo man im Scheinwerferlicht alles offenlegen kann, ganz ohne Angst und Scham. Und das Publikum spielt mit, indem es das Gezeigte für wahr nimmt, aber gleichzeitig weiß, dass es im Theater sitzt. Diese doppelte Haltung ist das stille Einverständnis, der große Spielraum, darin hat dann alles, wirklich alles Platz. Emotionen werden auf beiden Seiten aktiviert, schwappen über. Gedanken werden in Gang gesetzt. Alle erleben den Abend individuell, und doch findet ein gemeinsames Erleben statt. Wer das einmal erlebt hat, wird wiederkommen und sich nicht davor fürchten, sich selbst im Theater begegnen zu müssen.

 

Theater ist also ein sehr ehrlicher Ort, denn hier waltet ein Schein, der nicht betrügt. Hier können auch alle Abgründe des Menschlichen ans Licht gebracht werden, das, was in der Gesellschaft nicht an die Oberfläche dringen will, was tief darunter liegt, aber unentwegt brodelt und daher meist verdrängt und als unsichtbares Gepäck mitgeschleppt wird.

 

Immer wieder wird gesagt, dass man sich in schweren Zeiten als Publikum gar nicht einlassen will auf ernste Themen. Was aber hat dieser Satz mit dem langen Bart auf sich? Warum hält er sich so zäh? Und wie kann man ihn ungültig machen? Bestimmt nicht mit einem Wellness-Programm zur Ablenkung. Nichts gegen zeitweise Ablenkung, und schon gar nichts gegen das Lachen. Das Lachen ist eine wichtige Kraft. Ungültig wird der elende Satz erst dann, wenn man dem Publikum das Gegenteil beweisen kann, wenn man es erleben lässt, dass Auseinandersetzung erfüllend ist und erleichternd. Dass es sogar ein ziemlicher Genuss sein kann, wenn man nicht davonläuft vor der Welt, sondern sich als Mensch unter Menschen wiederfindet, gestärkt, beseelt, aufgerüttelt und voller Gedanken über das Leben. Nicht alles kann man weglachen, vieles bleibt und braucht eine Umwandlung, eine Neubesinnung. Dafür kann das Theater viele Impulse geben, wenn es versucht, den Schein von draußen nicht zu wiederholen. Am Theater, wo alles vorkommt, wo uns nichts Menschliches fremd ist,  wo niemand Angst haben muss und es eine gespannte Aufmerksamkeit gibt, ist man nicht allein.

 

Warum soll  Kunst auch noch am äußeren Schein mitbauen? An der Scheinmoral, der Scheinberuhigung, den Scheinwahrheiten? Sie kann diese vielmehr stören und sogar zerstören, aber auf eine gute Weise. Und Kunst wird, weil sie ehrlich ist, manchmal auch verstören, auch und gerade in verstörenden Zeiten. Aber das zeigt nur, dass tatsächlich viel brodelt unter den Oberflächen und dass es wichtig bleibt, sich face to face zu begegnen. Das Aufeinanderprallen von Ansichten ist immerhin besser als das Schweigen und fairer als das Geifern aus dem Versteck. Wenn man seine anonymen Pfeile aus dem Versteck abschießt, mitten in das Herz jener, die mutig sind, sich vertrauensvoll öffnen, dann ist das ganze Elend unserer Welt in ein Bild gegossen, das schmerzhaft ist.

 

Die Angst, nicht zu gefallen, nicht genug Publikum zu bekommen, nicht ausreichend Eintrittskarten zu verkaufen, steht dem Theater, auch uns, leider sehr im Weg. Und gerade in Zeiten, wo das Theater schlechter geht, ist man daher verführt, gefälliger zu werden. Das ist wahrlich kein Vertrauensbeweis an die Aufnahmekraft des Publikums, und es ist ein Zwang, der unserer Kunst ebenfalls schadet. Denn gerade in schwieriger Zeit wird Kunst oft nicht gefallen, weil Künstler*innen sich auch nicht aus dieser schwierigen Zeit herausnehmen können oder wollen. Weil sie, im Gegenteil, ihre Fühler oft noch weiter ausstrecken müssen, um sie irgendwie fassen zu können.

 

Künstler*innen sind Menschen, die sich mitten in die Gesellschaft begeben und gleichzeitig auch abseits stehen, um beobachten zu können. Sensible Menschen, die sich ganz und gar einsetzen mit allem, was sie sind und haben. Die mit ihren ungenormten Instrumenten ins Ungewisse stechen, sich dem Augenblick öffnen, vielleicht Halt suchen und doch mitgerissen werden. Künstler*innen sind wie alle Menschen tief im unruhigen Strom der Zeit verhaftet und mit äußeren und inneren Widersprüchen konfrontiert.

 

Auch das Theater ist von seinem Wesen her unruhig und unberechenbar. Das deckt sich gerade sehr mit der Realität. Man weiß einfach nicht, wie es wird. Vielleicht war das der Fehler, den das Theater auch vor der Krise oft machte, nämlich seine Unberechenbarkeit wegkalkulieren. Es ist nur verständlich, sich aus seinen Gedanken ein schönes Haus bauen zu wollen, eine kleine heile Welt inmitten der großen oft unheilvollen, wie jetzt gerade. Aber Illusionen sind kein guter Baustoff. Wenn das Fundament fehlt und die Erde bebt, hilft alles nichts. Man muss schon tief graben, um sich gut zu verankern, und das kann Theater, auch wenn es einem etwas abverlangt. Aber es macht Sinn und ist das nicht auch eine große Sehnsucht der heutigen Zeit, aller Zeiten, das Gefühl zu haben, dass etwas Sinn macht? Und Kunst macht Sinn.

 

Kunst ist es auch, dem Publikum die Türen zwar weit zu öffnen, dabei aber gleichzeitig immer wieder neu zu überraschen und herauszufordern, auch Widerspruch zu ermöglichen. Man darf und muss keine Angst haben in der Kunst. Auch die Angst vor Verstörung des Publikums ist unangemessen. Wo sind die Zeiten, in denen man bewusst provozieren wollte und die Provokation dann aber nie stattfand? Stattdessen finden wir uns gerade in Zeiten wieder, wo die Gedankenpolizei wieder vermehrt auf Streife ist, vor allem zivil und oft anonym in den Internetforen. Und das ist deprimierend. Noch nie haben wir erlebt, dass sich Kunst plötzlich wieder so rechtfertigen muss, wie sie es jetzt gerade muss. Die Kunst als Welt in der Welt, gebend und nehmend, läuft sie Gefahr, unfreier zu werden?

 

Wir müssen uns aber auch die Frage stellen, inwieweit wir unsere Freiheit in der Kunst auch selbst einschränken, wenn wir den unberechenbaren Moment weginszenieren, sodass er uns nicht zum Verhängnis werden kann hinsichtlich Kartenverkauf oder schlechter Nachrede. Ein Zuviel an Kalkül kann der Augenblickskunst des Theaters sehr zuwiderlaufen. Dabei ist gerade der Augenblick das große Versprechen des Theaters, wo man unmittelbar am Publikum andocken kann. Theater bleibt immer eine Augenblickskunst, auch wenn man Konzepte realisiert, auch wenn man vorher längere Zeit proben muss, um dann diesen ersten Moment auch bei jeder Vorstellung neu herstellen zu können.

 

Der erste Moment, damit ließe sich doch wieder eine Verbindung zum Publikum herstellen. Ihn zu erzeugen und zuzulassen, das könnte doch zu diesem gemeinsamen Erleben führen? Zu diesen kostbaren Momenten, in denen man mitgerissen wird und den Augenblick tief in sich verankert, sodass man ihn mit nach Hause nehmen kann. Wer das einmal erlebt hat, wird wiederkommen. Wie ein Junkie wird er nach solchen Momenten suchen und immer wieder ins Theater kommen, um sie sich zu holen. Hat das Theater solche Momente seinem Publikum nicht mehr gegönnt?

 

Viele Fragen tun sich auf, aber das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass das Theater, dass die Kunst keine Sicherheitsstufen braucht. Man sollte für sie auch keine Regeln aufstellen. Kunst darf und muss sich auch weigern gegen Einmischung. Und Kunst soll mutig sein. Wenn sie kritisch und relevant sein will, was sie nicht muss, aber in heutiger Zeit aus guten Gründen oft ist, darf sie sich nicht einschränken lassen, auch nicht durch Selbstzensur. Sonst verliert sie einen ihrer vielen Sinne. Den Eigensinn, den Möglichkeitssinn, den Widerspruchsgeist etc. Wenn die Kunst sich Regeln unterwerfen muss, ist sie keine Kunst mehr, dann ist sie Teil des Systems, des Marktes.

 

Die drängendste Frage vieler Theater ist wahrscheinlich momentan die, wie man sein Publikum wieder zurückholen und neues gewinnen kann. Dafür muss man sich, wenn man sich nicht selbst betrügen will, auch die unangenehme Frage stellen, ob man sich vielleicht seine Türen auch selbst verschlossen hat. Und zwar schon lange vor Corona. Weil man nicht mehr auf die Urkräfte des Theaters vertraute und stattdessen Waren produzierte, einen rasenden Stillstand, der nun so richtig sichtbar wird, obwohl die Spielpläne überquellen, die Produktionsmaschine rollt und die Premieren sich stauen. Um sich gut zu verkaufen und das Restpublikum auf sich aufmerksam zu machen, muss auch die Werbemaschine wieder kräftig angeworfen werden, mit Werbesprüchen, menschlichen Zugpferden, ständigen Pressekonferenzen usw. Wir möchten da nicht mitmachen. Als kleines freies Theater müssen wir das auch nicht, sondern können uns auf unsere eigenen Stärken besinnen.

 

Wir haben bereits enorm viel durch die Krisenzeit gelernt und werden es weiterhin tun. Der lange Ausnahmezustand hat nicht nur bei uns im Kleinen die Schwachstellen aufgezeigt, die schon lange vor Corona existierten. Wenn wir nun nicht mehr so hyperaktiv produzieren und spielen, wenn wir nun viel achtsamer umgehen mit unseren Kräften, unseren knappen materiellen, aber immer noch sprudelnden ideellen Ressourcen, wenn wir unser Team und uns selbst nicht mehr so ausbrennen durch die Euphorie unseres Schaffens, wenn wir vielmehr die ganzen schlimmen Krisen auch als Chance sehen, dass alte Muster sich auflösen können, dann erst sind wir wirklich erfolgreich.

 

Es ist ein langer Weg, denn Sternschnuppen sind zwar ein wunderschönes Spektakel, werden aber der Größe des Universums nicht gerecht. Auch unser Bewusstsein ist eine große innere Welt, die nie stillsteht, die stets Neues aufnimmt und wieder hervorbringt. Und Bewusstsein schaffen, das kann Theater auf besonders gute Weise, und zum Nach- und Umdenken anregen, ganz ohne zu moralisieren und zu missionieren hoffentlich. Viel äußerer Druck ist es aber gerade, der die Menschen zurzeit zum Umdenken zwingt, was dann oft mit dem Gefühl einhergeht, hilflos zu sein, Verluste zu erleiden, Liebgewordenes plötzlich entbehren zu müssen. Und all das wegen dem Wahnsinn eines machtbewussten Diktators oder dem Treiben eines unsichtbaren Virus, das nicht weiß, was es anrichtet, weil es kein Bewusstsein hat. Wie wir mit all den Tragödien umgehen, ihnen begegnen, das ist die große Herausforderung. Und der Zerstörung noch weitere Zerstörung hinzufügen, das will doch keiner mehr. Aber wir alle können, jede und jeder in seinem kleinen Wirkungskreis, dazu beitragen, die Abwärtsspiralen zu stoppen. Dazu müssen wir aber vertraute Muster auflösen, bequeme Gewohnheiten ablegen und furchtlos sein.

 

Wie überall in dieser großen Krisen- und Umbruchzeit kann auch das Theater gerade jetzt alte und untauglich gewordene Muster aufbrechen, um diesen gefährlichen rasenden Stillstand zu stoppen, der sich überall umtut und der die Menschen vom Eigentlichen entfernt. Als Mikrokosmos im großen Transformationsgeschehen ist auch das Theater keine Insel, sondern im Gegenteil, ein Ort, an dem die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft leidenschaftlich verhandelt und zur Diskussion gestellt werden können. Sich weiterhin mit der faszinierenden Kraft der Kunst dem Leben widmen, ja stellen zu können, wirkungsvoll, gemeinsam mit viel offenem, freudigem Publikum, das wäre schön!

 

MILENA IN PRAG

Essay von Cornelia Metschitzer über Milena Jesenská (und über ihre beiden Stücke über deren Leben und Zeit), 11.09.2022

Aber die Sonne scheint jeden Frühling auf eine Wiese voller Blumen; und wenn das die einzige Sicherheit auf der Welt ist, will ich mich daran klammern.

Milena

 

DAS IST DAS LEBEN ist unser zweites Stück über die Journalistin und Widerstandskämpferin Milena Jesenská, die 1896 als großbürgerliche Tochter in Prag geboren wurde und 1944 im KZ Ravensbrück starb. Nach dem frühen Tod der Mutter, die sie fürsorglich pflegte, wurde Milena ein „Bürgerschreck“ und ganz Prag zerriss sich über sie das Maul. Milenas Freigeist und Widerspruchskraft wurden im Mädchengymnasium Minerva mitgeformt und das Leben mit ihrem liebenden und strafenden Vater gestaltete sich von Beginn an schwierig.

Im ersten Stück unserer Frauenbiografie VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT haben wir Milena in ihren ganz jungen Jahren und in ihrer Beziehung zu Kafka gezeigt und eine Ahnung davon gegeben, wie sie die menschenzugetane und impulsive Persönlichkeit wurde, die danach unerschrocken und mit großem Mitgefühl ihr Schreiben und Handeln in den Dienst der Gesellschaft stellte. Nun, im zweiten Teil, widmen wir uns Milenas verbleibenden zwei Lebensjahrzehnten zwischen 1924 und 1944.

 

ZUM INHALT DES STÜCKS

Nach Kafkas Tod und ihrer Scheidung von Polak ist sie aus dem dumpfen Wien in ihre geliebte Geburtsstadt Prag zurückgekehrt. Diese erblüht gerade neu und ist nun das Zentrum der ersten tschechoslowakischen Republik nach 300 Jahren Habsburgerherrschaft. Eine große Aufbruchsstimmung hängt in der Luft. Und auch Milena versucht, sich von alten Mustern und Abhängigkeiten zu befreien und in dieser neuen Zeit neu zu leben beginnen.

Als Idealistin möchte sie auch mitbauen am Traum der europäischen Avantgarde, den technischen Fortschritt mit Humanität zu versöhnen und die Emanzipation der Frauen voranzutreiben. Schon als beliebte Modejournalistin der konservativen Tageszeitung Národní Listy richtet sie daher ihren Blick unter alle Oberflächen, wird aber fallengelassen, als sich empörte Leserbriefe häufen. Auch privat hat sich ihr unheimliches Glück bald verflüchtigt. Sie bekommt zwar mit Honza (eigentlich Jana) das Kind, das sie sich immer gewünscht hat, aber gleichzeitig erkrankt sie schwer und wird Morphium abhängig. Jaromir Krejcar, ihr zweiter Ehemann, fühlt sich der familiären Situation nicht gewachsen und geht in die Sowjetunion, von wo er mit einer anderen Frau wieder zurückkommt.

Um in dieser großen privaten Krise Halt und Zugehörigkeit zu finden und dabei auch etwas Nützliches für die Welt zu tun, schließt sich Milena der Kommunistischen Partei ihres Landes an. Diese hat sich zwar auf den harten Moskauer Kurs eingeschwenkt, aber Milena glaubt weiter an die romantische Idee des Sozialismus und an sein großes Versprechen einer menschenwürdigen, gerechten Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung. Aus Solidarität will sie sich nun verstärkt um die drängenden sozialen Anliegen der Arbeiterschaft kümmern, und in den Parteiblättern hat sie dazu die Gelegenheit. Dass sich ihr öffentliches Schreiben dabei immer mehr in ideologischen Phrasen verliert, nimmt Milena zunächst noch in Kauf. Als die Parteidisziplin aber von ihr verlangt, sich von ihrem neuen Lebensgefährten Evžen Klinger zu trennen, will sie sich nicht länger unterwerfen. Sie ohrfeigt ihren Chefredakteur und ist damit bei allen Parteiblättern untendurch. Bittere Armut und soziale Isolation zwingen sie daraufhin, Bettelbriefe an lose Bekannte zu schreiben, doch ihren reichen, aber strengen Vater möchte sie auch nicht um Hilfe bitten.

1937 wendet sich Milenas Leben dann unerwartet wieder zum Besseren. Nachdem 1933 mit Hitler das Unheil erneut über Europa hereingebrochen ist, wird sie von ihrem früheren journalistischen Weggefährten Ferdinand Peroutka in dessen renommiertes demokratisch-liberales Wochenblatt Prítomnost geholt. Dort bekommt sie Gelegenheit, ihr großes Talent in der politischen Analyse unter Beweis zu stellen. Als Reporterin reist Milena mehrmals in die brodelnden Sudetengebiete und berichtet über die tiefe Kluft zwischen den einzelnen Volksgruppen, das Schicksal deutscher Emigranten und Henleins Produktion von „Kindernazis“, die ihre Eltern bespitzeln. Dabei schafft sie es, die verängstigten Menschen zum Reden zu bringen, ohne ihre Erzählungen auszubeuten. Sie gewinnt neue Anerkennung bei ihrem Lesepublikum und wieder festen Boden unter den Füßen, auch wenn das ganze Schiff arg zu schwanken begonnen hat.

1938/39 nämlich haben zwei einschneidende Ereignisse die Tschechoslowakei in tiefste Verzweiflung gestürzt: das Münchner Abkommen, das die Abtretung der Sudetengebiete erzwingt sowie die sechs Monate später folgende Invasion von Nazi-Deutschland in die „Rest-Tschechei“. Die Stimmungsbilder, die Milena auf den Straßen und Plätzen auffängt, als die Westmächte ihr Land einem faulen Frieden in Europa opfern, sind bis heute ein unsagbar berührendes Dokument der Geschichte.

Und auch Milenas eigene Geschichte verstrickt sich mit dem Unheil ihrer Zeit immer mehr, denn ihr journalistisches und zivilgesellschaftliches Engagement wird für sie immer gefährlicher. Als sie es dem deutschen Zensor zu weit treibt, erhält sie Schreibverbot, geht in den Widerstand, verteilt weiterhin Hoffnung und Zuversicht an die Verzweifelten sowie illegale Zeitungen, an denen sie persönlich mitschreibt. Sie versteckt und verpflegt unzählige verfolgte Menschen in ihrer kleinen Wohnung und hilft den Flüchtenden, der „Mausefalle“ Prag zu entkommen. Gleichzeitig warnt sie davor, alle Deutschen als Feinde zu verteufeln.

ÜBER MILENA

Milena, die keine Moralistin war, sondern immer den ganzen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit sah, half bedingungslos allen, die ihre Hilfe brauchten. Über alle unterschiedlichen Ideologien oder persönliche Kränkungen hinweg. Extreme und dramatische Situationen hatten in ihr immer schon Kräfte aktiviert, mit denen sie sich selbst und andere Menschen retten konnte. Ihr Bemühen um eine gerechtere Welt, ihre Menschenliebe, ihren Lebensmut, ihren Wunsch nach sinnvoller Tätigkeit, das alles lebte sie tatsächlich bis zum letzten Augenblick. Ihre besondere Eigenschaft, gewisse äußere Regeln einfach nicht zu akzeptieren, wenn sie ihrem innersten Wesen widersprachen, wurde ihr in ihrer Jugend in der Psychiatrie als „moralischer Irrsinn“ ausgelegt. Diese Unerschrockenheit des Herzens hatte ihr unter dem Fremdregime der Nazis eine Anklage wegen Hochverrats eingebracht, von der man sie zwar mangels Beweisen freisprach, nicht aber freiließ. Sie wurde in „Schutzhaft“ genommen, musste sich von ihrer Familie verabschieden und wurde schließlich deportiert. Alle Versuche, sie doch noch freizubekommen, scheiterten und Milena starb mit 47 Jahren nach einer Nierenoperation im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Aber noch an diesem schrecklichsten aller Orte konnte sie auf der Krankenstation, wo sie arbeitete, viel Gutes bewirken. Die Unerschrockenheit ihres Herzens blieb auch dort noch stärker als ihre Angst vor Bestrafung und Tod. Ein letztes Mal wuchs sie über sich hinaus und tat, was sie eben tun musste.

Es ist nicht wahr, dass man für eine Idee stirbt; in den Tiefen der Seele stirbt man nur für das eigene Herz. Das Geheimnis eines solchen Herzens weckt furchtbare Ahnungen in uns, die Ahnungen eines Vogels, der in einem Käfig eingesperrt ist.

Acht Jahre nach Milenas Tod 1944, im Jahr 1952, gab Willy Haas Kafkas „Briefe an Milena“ heraus, eine literarische Sensation. Als innige Briefgefährtin des später weltberühmten Schriftstellers erlangte Milena damit zunächst in der Literaturwelt einige Bekanntheit. Ihr engagiertes und bewegtes Leben abseits von Kafka, den sie immer Frank nannte, findet aber bis heute nicht die Beachtung, die es verdient.

Milena hatte Kafkas Briefe viele Jahre gehütet wie einen Schatz und sie dann Willy Haas persönlich übergeben, nachdem sie sich vor den Nazis nicht mehr sicher fühlen konnte. Ihre eigenen Briefe an Frank sind hingegen bis heute verschollen und so gibt die Beziehung von Milena und Kafka bis heute Rätsel auf. Der erste Teil unseres Bühnenzweiteilers über Milena „Vor dem Fenster liegt die Welt“ widmet sich intensiv der tiefen seelischen Beziehung der beiden und entwirft die These, wonach Kafka für Milena die Initialzündung dafür war, sich von seinen und ihren Ängsten und Sehnsüchten zu befreien und ein tätiges Leben in der Gemeinschaft zu riskieren.

Ich gehe und verspreche mir keinen Sieg. Ich wüsste nicht, worüber ich siegen könnte. Mut wird belohnt und Mut wird bestraft. Alles ist zweischneidig, für alles muss man zahlen. Und an beiden Ufern wird man stets das Geschehene bereuen. Das alles weiß ich.

Während Milena bei uns immer noch zu sehr in Kafkas Schatten steht, wurde sie in der Tschechoslowakei seit 1948 auch viele Jahre nach ihrem Tod noch zusätzlich totgeschwiegen, da sie eine Kritikerin der kommunistischen Einengung war. Erst 1966 brachte der Literaturwissenschaftler Eduard Goldstücker ihren Namen in ihrem Heimatland erneut ins Gespräch. Er begann, sie vom Stigma der Verräterin zu befreien und sie aus dem Schatten von Kafka zu lösen. Seither gibt es immer mehr vor allem Wissenschaftlerinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Milena Jesenskás bewegtes Leben zu recherchieren, es der Welt weiterzuerzählen und ihr kostbares publizistisches Werk zu sammeln und zu sichern.

Denn Milena hat der Nachwelt ein umfangreiches journalistisches und essayistisches Werk hinterlassen, das nicht nur ein wichtiges faktisches und atmosphärisches Zeitzeugnis der Zwischenkriegszeit darstellt, sondern auch Aufschlüsse über unsere heutige Zeit geben kann. Da Milena durch ihren schreibenden Beruf sehr in ihrer Zeit und den Geschehnissen verhaftet war, sich als wacher Geist und mitfühlender Mensch selbst nicht aus ihrem Schreiben herausnahm und deshalb auch viel persönliche Haltung in ihre Beobachtungen, Reflexionen und Analysen legte, geben ihre Texte auch sehr viel Aufschluss über sie selbst. Es war immer Milenas große Stärke, sich mit ihren Themen ganz zu identifizieren und damit erlangte sie diese große Glaubwürdigkeit, für die sie einerseits von vielen geschätzt wurde, mit der sie sich aber auch immer wieder angreifbar machte.

Dabei war Milena eine Querdenkerin noch im guten alten Sinn, weil sie unbequeme Wahrheiten aussprach, auch wenn man sie nicht wissen wollte. Weil sie konstruktive Dialoge anzettelte, welche die ideelle Kluft zwischen den Menschen überbrücken konnten und die Gesellschaft nicht noch weiter spalten sollten. Und stets stand unter ihrem Geschriebenen auch ihr Name oder ihr bekanntes Kürzel. Tappte sie auf Irrwegen, stand sie auch dazu und hatte keine Scham, sich selbst zu korrigieren und Fehler einzugestehen, was heute nur noch ganz selten vorkommt. Nie wollte sie sich in ihrem Beruf profilieren auf Kosten anderer, nie wollte sie irgendeinen anderen Profit daraus schlagen, als der Wahrheit möglichst nahe zu kommen.

Es ging Milena also nicht um Bekanntheit oder Geld, sondern um die Wahrheit, die sie trotz allem suchte, auch wenn sie wusste, dass sie schwer zu finden war und wenn, dann meist nur im Plural. In turbulenten Zeiten gesicherte Erkenntnisse vermitteln zu wollen, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen, da diese gleich wieder von aktuellen Entwicklungen überholt werden. Milena war sich der großen Verantwortung bewusst, in politisch und sozial heftigen Zeiten eine Redakteurin und Meinungsbildnerin zu sein. Ihr politisches und gesellschaftspolitisches Schreiben war geprägt von einem aufklärerischen und emanzipatorischen Anspruch und so versuchte sie hinter den wechselnden Erscheinungen, unter den schlagenden Wellen der Ereignisse, auch das sichtbar zu machen und zu propagieren, was stets unverhandelbar bleiben sollte, den Humanismus und die Menschenwürde.

Vor euch steht ein Mensch in einem Hemd und mit leeren Händen. Er ist gesund, darf nicht arbeiten und muss essen. Arbeiterfamilien haben sich dieser Menschen angenommen. Geld konnte ihnen niemand geben, aber der eine gab Kornkaffee, der zweite die Reste des Mittagessens, der dritte ein Dach überm Kopf. Wohltätigkeit ist eine Quelle, die langsam versiegt. Und vier Jahre Emigration sind nicht nur Entbehrung, Hunger, Not, Verlassenheit, Einsamkeit, Sehnsucht nach der Heimat und erzwungenes Bettlertum, vier Jahre Emigration sind auch ein schrecklicher, unerträglicher Seelenzustand. Die jungen Menschen verlieren die Möglichkeit zu arbeiten, sich auszubilden, sich weiterzuentwickeln. Sie hängen im luftleeren Raum, verlieren den Sinn fürs Leben. Nicht nur der Hunger entkräftet, auch das erschöpfende, aufreibende Warten.

 

Milena vermochte es, an das Mitgefühl ihrer Leserinnen und Leser zu appellieren und dabei ein Oben und Unten zu vermeiden. Sie ging immer offen und ehrlich auf alle Menschen zu und es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, für irgendeine Quote deren Leid auszuschlachten. Politische Korrektheit war für sie eine Sache der Intuition und des Hausverstandes, keine theoretische Konstruktion, die gern an Lebenswirklichkeiten vorbeigeht oder zu neuem Dogmatismus oder Intoleranz führt. Milena haute freilich auch manchmal daneben in ihrem Enthusiasmus und in ihren Schlussfolgerungen, aber das ist oft so, wenn man sich besonders engagiert und weiter hinauswagt als andere. Meist aber hatte sie das richtige Gespür, weil sie sich einlassen konnte auf die Menschen und ihre Themen. Sie hatte auch die bezaubernde Eigenschaft, ihr Lesepublikum persönlich anzusprechen.

Menschen leben zusammen, um einen Freund zu haben. Um jemanden zu haben, bei dem sie von Strafe, Rache, schlechter Meinung, Ungerechtigkeit, bösem Gewissen verschont bleiben. Oder glaubt ihr wirklich, ein Heim sei etwas anderes und habe andere Aufgaben, als den Menschen zu schonen, zu schonen und nochmals zu schonen, vor der Welt und hauptsächlich vor dem inneren Spiegel seiner Selbst?

Es ist ein Kniff, den man auch aus dem frühen Kino kennt, wo die Schauspieler*innen auch oft in die Kamera schauen, um dem unsichtbaren Publikum verschwörerische Blicke zuzuwerfen und sich mit ihnen zu verbünden. Und Milena war eine leidenschaftliche Kinogängerin, was sie übrigens mit Kafka teilte. Milenas subjektiv gefärbtes Schreiben richtete sich also immer an ein Gegenüber und kreiste nicht um eigene Eitelkeiten oder Selbstdarstellung. Aber es zeigte immer eine persönliche Haltung und Anteilnahme. Milena konnte auch ihre tiefe Betroffenheit offenbaren, wenn sie etwas besonders berührte oder ärgerte und außerdem verstand sie perfekt ihr Handwerk, exakt zu recherchieren, die richtigen Fragen zu stellen und klar und verständlich zu formulieren. 

 

Die Kinder lauschen zu Hause hinter der Tür und geben dann in der Schule alles wieder, was sie aufgeschnappt haben. Der gewiefteste Geheimdienstler könnte jemandem nicht so viele Einzelheiten entlocken, wie es diesen armen, kleinen, krummen Geschöpfen gelingt. Die Geheimnisse eines jeden Haushalts liegen offen vor dem Lehrer ausgebreitet, und die Eltern fürchten sich nicht nur vor ihren Arbeitgebern, Nachbarn und Verwandten – sondern sogar vor den eigenen Kindern.

 

Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit unternahm Milena mühselige Reportage-Reisen in die Sudetengebiete und beobachtete dabei sehr genau, wie sich die politischen Geschicke auf die privaten der Menschen auswirkten. Auch wollte sie ihren Leserinnen und Lesern unermüdlich ins Bewusstsein rufen, dass sie den hereinbrechenden Wellen der schlimmen Ereignisse nicht nur schutzlos ausgeliefert wären, sondern auch selbst dazu beitragen können, diese Wellen zu brechen. Dass es dabei auf jeden einzelnen ankommt und man füreinander Verantwortung übernehmen muss, dafür stand Milena nicht nur in ihrem Schreiben und Denken, sondern auch in ihrem ganzen beherzten Handeln.

Aber vor allem müssen wir uns über etwas anderes im Klaren sein: darüber, was wir selbst tun werden. Nicht im internationalen, sondern im privaten Maßstab mit dem Radius von dreieinhalb Straßen, dem Nachhauseweg und einer Zweizimmerwohnung mit Küche. Wir müssen wissen, was wir gerade auf dem Stück Erde, auf dem wir leben, und an dem Platz, an dem wir arbeiten, tun werden.

 

Aber beherzt Verantwortung übernehmen, das muss man nicht nur wollen, sondern auch können, weil Verantwortung uns in den guten Zeiten meist abgenommen wird. Auch bedarf es dazu - besonders in Diktaturen, aber auch im Kontext von anderen Drucksituationen - einem gewissen Quantum an Mut und Furchtlosigkeit. Mit Ängsten umzugehen ist eine Lebenskunst, die wir oft nicht gelernt oder aktiviert haben, und wenn uns die Angst oder Furcht in widrigen Zeiten dann plötzlich überfällt, können wir oft schwer damit umgehen. Angst ist lähmend und macht einsam, sagte schon Milena und stürzte sich unter die Menschen, um Zuversicht und Hoffnung zu verteilen, auch Güter und Geld, wenn sie selbst gerade was hatte. Gleichzeitig wusste sie aber, dass man sich im Grunde auch selbst helfen muss, um Hilfe zu erfahren. Und so scheute Milena auch nicht davor zurück, bei fremden Menschen um Hilfe zu betteln, wenn sie sie selber gerade nötig hatte. Hilfe geben und Hilfe annehmen, gegenseitige Solidarität, war für sie selbstverständlich und das hat weniger mit dem Menschen selbst zu tun, als mit der jeweiligen Situation, in die er sich gerade geworfen findet. Ob diese Situation nun selbst verschuldet ist oder nicht, das war für Milena keine Kategorie. Sie half allen, weil sie eben keine Moralistin war und die Achtung der Menschenwürde etwas ganz und gar Selbstverständliches sein sollte. Weil der Mensch auch in seiner Hilflosigkeit seine Würde behält. Weil Menschenwürde eigentlich nicht verliehen oder geraubt werden kann, weil sie einfach gegeben ist mit dem Menschsein, weil es schlicht unmenschlich ist, sie in Frage zu stellen.

Am Schluss ihres Lebens, schwerkrank im KZ, hat sie sich mit ihrer unbeugsamen Haltung ihre eigene Menschenwürde und innere Freiheit bewahren und etwas davon auch noch an ihre Mithäftlinge abgeben können. Aufrecht stehen und helfen, das war eben Milenas Prinzip.

Ich stand in einer Gruppe tschechischer Zugänge draußen vor dem Krankenrevier. Wir waren zur Aufnahmeuntersuchung dorthin dirigiert worden. Niedergedrückt und verstört durch die ersten schrecklichen Eindrücke bei der Ankunft im Lager, erwarteten wir nun voller Angst die nächste Tortur. Da tritt Milena aus der Tür, bleibt auf der Treppe stehen, lächelt uns zu und ruft mit einladender Handbewegung: „Seid mir willkommen, Mädels!“ Es kam so ganz von Herzen, als ob sie jeden einzelnen von uns in ihr Haus einlud. Ich konnte es gar nicht fassen. Es war das erste wirklich Menschliche inmitten all der Unmenschlichkeit.

Mithäftling Anna Kvapilová über Milena im KZ Ravensbrück

 

Im Mut haben und Mut machen ließe sich also auch heute noch ganz viel von dieser Frau lernen bzw. kann Milena auch uns Heutigen noch etwas von ihrem Lebensmut abgeben. Darum habe ich viele O-Töne aus ausgewählten Quellen ihres privaten und öffentlichen Schreibens in unseren Stückzweiteiler hineinmontiert und manchmal erscheint es jetzt fast so, als würde Milena darin wie eine Zeitgenossin zu uns sprechen. Sie kann uns in der Tat auch heute noch helfen, wie wir mit Krisen leben, welchen Sinn wir daraus ziehen können und dass es immer wichtig bleibt, ehrlich, auch ohne Selbstbetrug, die Karten auf den Tisch zu legen, weil nur so Lösungen möglich werden.

Die Zeit, in der Milena lebte, war geprägt von großen Krisen, zwei Weltkriegen und der Transformation Europas. Auch wenn von den Voraussetzungen her kaum vergleichbar, so ist sie doch unserer heutigen nicht unähnlich, die wieder so beunruhigend instabil geworden ist, mitunter auch katastrophal und voll von Ängsten, Sorgen und Nöten, die tief im Innersten der Menschen weiterkreisen und ziemlich mutlos machen können. Diese Angst zu durchbrechen, die so vielen Phänomenen zugrunde liegt und die Menschen so aus der Bahn werfen und entzweien kann, schien Milenas großes Geschick gewesen zu sein.

Auch Gefühle können als reale Bestandteile der Welt gesehen werden, da sie manchmal so übermächtig werden, dass sie in unsere Lebenswirklichkeit massiv eingreifen und diese beeinflussen. Heute haben auch wir wieder viele berechtigte Ängste, auch viele irrationale, die zumeist aus einer inneren Verzweiflung und Unsicherheit kommen. Es ist leider gerade in Krisenzeiten oft der Fall, dass diese Gefühle dann von nicht sehr wohlmeinenden Kräften weiter angestachelt, ausgebeutet und für deren eigenen Nutzen missbraucht werden. Auch gute Begriffe werden vereinnahmt und grotesk umgewertet. Missverständnisse, Misstrauen, Vorurteile mehren sich. Man findet noch weniger Halt und Orientierung und sich womöglich in einer ideologischen Reihe wieder, in die man nie hinein wollte.

Diese destruktiven, manipulativen Kräfte sind nicht zu unterschätzen, da sie die Wirklichkeit verzerren und noch mehr Keile in die Gesellschaft treiben. Dabei wären Fantasie und Imagination doch etwas Gutes und Heilsames, da sie in der ganzen Ambivalenz des Menschen immer auch die innere, nicht rationale Seite verkörpern, die ebenso wichtig ist wie Verstand und Vernunft, um ein ganzer Mensch sein zu können.

Milena hatte auch eine große Fantasie und Imaginationskraft. Ihre Empathie und Tatkraft wäre nicht möglich gewesen, wenn sie nicht auch die Abgründe des Menschlichen inhaliert gehabt hätte, was auch aus ihren tiefen Lektüren von so abgründigen Dichtern wie Kafka, Dostojewski, Kierkegaard oder Nietzsche kam. Als radikale Nachzüglerin der Romantik war Milena stets eine Grenzgängerin, enthusiastisch, unbändig, liebend, exzessiv und abgrundtief offen. Und obwohl sie sicherlich auch ihre eigenen Widersprüche grundsätzlich akzeptierte, musste sie doch auch ein Gegengewicht finden dazu und ihre romantisch dunkle Seele von Zeit zu Zeit etwas hintanhalten, um bestehen zu können. Man muss einfach auch wieder runterkommen von seinen Sehnsüchten, Träumen und Ideen, von denen man ahnt, wohin sie einen führen können, in den schlechten Irrationalismus, in Größenwahn und Totalität oder aber in Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Angst.

 

Auch Milena, die sich nie für abgeschlossen hielt, sondern immer auf dem Weg wähnte, hatte also lernen müssen, ihre Fantasien und Sehnsüchte immer wieder zu zügeln, um nicht ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren. Manchmal aber kultivierte sie ihre imaginären Kräfte auch ganz bewusst (oder unbewusst?), um aus der Tiefe ihres seelischen Fundaments wieder Mut und Tatkraft zu schöpfen für ihre vielen Hilfsaktionen und für ihr gesellschaftliches Engagement. Milena scheint wirklich eine große Meisterin der Alchimie und der Sublimierung gewesen zu sein, jedenfalls ist das auch eine These meines Stückes, die ich aus Passagen ihres Briefwechsels mit ihrem Seelenverwandten Willi Schlamm herauszulesen meinte. In ihrer berührenden Korrespondenz mit ihm ab 1938, als er ins Exil gehen musste, fühlt man sich an ihre imaginäre Liebe zu Franz Kafka erinnert.

 

Manchmal geschehen solche merkwürdigen Wunder, dass ich jemandem begegne, dem ich nicht fremd bin: und immer endet es so, dass die Wirklichkeit ihn mir entreißt. Ich saß neben Kafka, als er in Wien im Sterben lag, ich stand an Brunners kleinem Sarg, als er mir starb. Und ich stand in Nemecký Brod auf dem Bahnhof und ließ zu, dass der Zug mit dir abfuhr, Willi. Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie weh es tut. Es hört nicht eine Minute auf, du kannst nirgendwohin davonlaufen, musst es jede Sekunde aushalten, und es tut immer weh.

 

Der Verlust von Willi tat Milena so weh, dass sie daran fast verzweifelte, dann aber passierte der Moment, wo sie diese Verzweiflung in positive Energie verwandeln konnte. Ihren tiefen Schmerz, ihre ganze Sehnsucht transformierte sie in eine große innere Stärke. Das eigene Leid konnte ihre große Gabe des Mitgefühls noch einmal verstärken und sie wuchs über sich hinaus.

 

Ihre Tage waren nun angefüllt mit fiebriger Tätigkeit und Sorge, und alle durften sie ihre Aufmerksamkeit erwarten. Wie sie es schaffte, mitzufühlen ohne zu verletzen. Noch in der Nacht, schon am Rande ihrer Kräfte, nahm sie das Telefon zur Hand und rief dort an, wo sie Niedergeschlagenheit erahnte, und dann hörte sie zu und reichte Trost und Aufmunterung in die Dunkelheit. Als ob sie einen unerschöpflichen Vorrat an Kraft in sich hätte.

Lumír Čivrný

 

In der Mitte der 1920er-Jahre, nach Milenas seelischem Überflug mit Kafka, als er bald darauf starb und sie eine schmerzhafte Trennung von ihrem ersten Ehemann Ernst Polak vollzog, hatte Milena auch eine Unglückszeit, aus der sie gestärkt wieder hervorgehen konnte. Das kurze Glück, das sie erfuhr, als sie wieder nach Prag zurückgekehrt war, empfand sie aber als regelrecht unheimlich. Sie versuchte, den Augenblick festzuhalten, doch wie immer, wenn man sich an etwas klammert, flutscht es einem weg. Denn nichts steht still, nichts wiederholt sich, alles entwickelt sich ständig, und Milena beschwor diesen magischen Augenblick vielleicht gerade in diesem philosophischen Bewusstsein, dass alles in ständigem Werden und Vergehen begriffen ist. Aber in einem einzigen Augenblick kann man die Zeit so ausdehnen, dass darin Sinn Platz finden kann und Erkenntnisse möglich werden.

Wir kochen Tee und meinen, das sei nur ein Zwischenspiel zwischen etwas, was war und was sein wird. In Wahrheit ist es nicht so, sondern das ist das Leben. Denke einzig und allein daran, erfasse es gänzlich, vergiss alles andere, sei weder traurig noch fröhlich, auch nicht glücklich oder sehnsüchtig, das ist alles Unsinn, sei jetzt gegenwärtig und sei fähig, mein Gott, sei fähig, nur diese Stunde zu sehen und alles auszukosten, was sie in sich birgt. Sei fähig, die Kette aus Angst, Unsicherheit, Schmerz, Unzufriedenheit und Sehnsucht zu zerreißen, ganz einfach: sei.

 

Speziell auf dem Theater lassen sich mit den verdichtenden Mitteln der Kunst und mit Menschendarstellung solche innigen Momente, wie Milena sie hier beschrieben und wohl auch selbst erlebt hatte, nachempfinden. Theater kann auch einen umfassenden Eindruck von einem ganzen Menschenleben geben, es durch die Montage des gewählten Materials in seiner geschichtlichen Gewordenheit lebendig nachzeichnen. Deshalb ist DAS IST DAS LEBEN wie bereits das Vorgängerstück VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT wieder mit allen Mitteln der Kunst, aber auch mit vielen Doku-Quellen gestaltet. Zu erwarten ist wieder ein vielschichtiges Mischgewebe mit über Ton eingespielten Erzähltexten über stummen Handlungsverläufen, live gespielten und gesprochenen Dialogen, Milenas Zeitungsberichten, Briefauszügen sowie Musik- und Bildeinspielungen. Eine biografische Annäherung, die auf essayistische Weise auch wieder einen subjektiven Blick von mir als Autorin und Regisseurin vermitteln wird. Dabei wird auch die dramatische Geschichte der Tschechoslowakei und Europas in der Zwischenkriegszeit des vorangegangenen Jahrhunderts wieder lebendig.

 

Wie sehr das politische mit dem privaten Schicksal stets verstrickt bleibt, hat Milena immer wieder betont und auch auf tragische Weise am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren. Der übermächtigen Nazi-Propagandamaschine setzte sie mit großer Hingabe ihr mutiges und aufrichtiges Schreiben gegenüber. Noch mutiger war ihr resolutes und geistesgegenwärtiges Handeln, wenn es darum ging, möglichst lange möglichst viele Menschenleben zu retten.

Milenas großes zivilgesellschaftliches Engagement, ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft, ihr leidenschaftlicher Einsatz gegen politischen Terror und für die liberale Demokratie, ihre große Lebenskunst, mit der sie so viele auch persönliche Krisen meistern konnte, ihr Glaube an ein geeintes Europa sowie ihre Überzeugung, dass man die Welt nicht in Schwarz und Weiß und die Menschen nicht in Gut und Böse einteilen soll, sondern stets tief unter alle Oberflächen schauen muss, das alles und noch viel mehr kann uns Milena auch heute noch zu einem großen Vorbild machen. Denn unsere Welt, unsere Zeit, wir alle brauchen immer mutige Stimmen mit Geist und Seele, die unvoreingenommen sind und uns in klaren, aufrichtigen Worten, konstruktiv und nicht von Eigeninteressen gelenkt, die Widersprüche und Zusammenhänge des Lebens nahebringen können, und das, ohne zu belehren, zu moralisieren oder zu missionieren. Und Milena Jesenská war so ein Mensch.

 

MILENA IN WIEN

Cornelia Metschitzer, 18.04.2022

Das erste Stück unseres Bühnen-Zweiteilers über die Prager Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Milena Jesenská beginnt im Jahr 1921 in Wien, als sie dort an ihrem Artikel FENSTER schreibt, und endet 1924, wenn sie auf Franz Kafka, ihren geliebten Gefährten, einen Nachruf verfassen muss. Wir sehen, wie sich in Wien aus dem einstigen „Prager Bürgerschreck“ eine hoch talentierte und sensible Journalistin entwickelt, aus einer radikalen Nachzüglerin der Romantik eine tatkräftige und nach Unabhängigkeit strebende Frau.

 

Milenas Elternhaus in Prag

1896 in ein reiches, aber trauriges Prager Elternhaus geboren und 1944 im KZ Ravensbrück nach einer Nierenoperation gestorben, rebellierte Milena nach dem frühen Tod der Mutter, die sie fürsorglich pflegte, wild gegen den bürgerlich-konservativen Vater, zu dem sie zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis hatte. Der bekannte Zahnarzt und Universitätsprofessor wollte die Tochter in seine Fußstapfen drängen, sie durfte das fortschrittliche Mädchengymnasium Minerva besuchen und begann danach ein Medizinstudium. Sie brach es ab und warf sich in die Prager Künstlerszene. Dort verteilte sie Papas Geld, seine Wäsche und sein Essen an arme Schlucker, stahl allerorts, experimentierte mit Drogen und machte ständig Schulden, um zu helfen und zu geben.

 

Als Jan Jesenský seine Tochter daraufhin ein dreiviertel Jahr lang in eine psychiatrische Anstalt stecken ließ, weil sie zu allem Überdruss auch noch den „falschen Mann“ heiraten wollte, attestierte man ihr dort u.a. „moralischen Irrsinn“. Erst bei ihrer Volljährigkeit entlassen, heiratete Milena ihren jüdischen Kaffeehausliteraten Ernst Polak dann doch und floh mit ihm nach Wien.

 

Ihre Wiener Zeit (1918-1924)

Dort, im darbenden Rest-Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, beginnen wir unser Stück VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT und erzählen in Vor- und Rückblenden Milenas Geschichte. Der Titel ist ein Zitat aus ihrem Zeitungsessay FENSTER, denn wenn Milena in Wien vor ihrem Fenster stand, sah sie etwas, was man mit den Augen allein gar nicht sehen kann: Die Welt. Vor dem Fenster liegt die Welt, vor der Tür aber liegt nur die Wirklichkeit, schrieb sie. Eine entzauberte Welt ohne Wunder, eine mechanische Welt, die nur nach dem Realitätsprinzip funktioniert, sie war ihr zu wenig.

 

Milenas Wien-Zeit, sie war in ihrer mühsamen Realität nach dem Krieg herausfordernd und schwer. Weil sich ihr Ehemann zu wenig um sie sorgte, musste die großbürgerliche Tochter am Bahnhof Koffer schleppen, Tschechisch-Unterricht geben und sich als Haushälterin verdingen, um über die Runden zu kommen. Aber sie begann auch Bücher zu übersetzen und übertrug als erste Übersetzerin Franz Kafka ins Tschechische, seine Erzählung „Der Heizer“, die in einer Literaturzeitschrift erschien. Ein intensiver Briefwechsel mit dem später weltbekannten Dichter entspann sich, und auch Milenas eigene schriftstellerische Laufbahn als Feuilletonistin und Journalistin begann.

 

Ihre Anfänge als Journalistin

Ab Dezember 1919 schickte Milena als Wien-Korrespondentin zunächst der kleinen liberalen Zeitung Tribuna ihre Artikel nach Prag. Ihre sozialen Reportagen über einfache Menschen erzählten dabei von anderen Welten als Polaks bürgerlich-intellektuelle Wiener Kaffeehaus-Literaten es taten. Sie erzählten von den kleinen Dingen des Lebens, in denen Milena kraft ihres Scharfsinns und ihrer Sensibilität immer auch die großen Dinge gespiegelt sah. Dabei sah sie auch, was viele andere nicht sahen, wie sich das Private und das Politische stets bedingen und welche Wunder selbst in den unscheinbarsten Dingen stecken. 

 

Immer wieder sehen wir Milena in unserem Stück daher auch an ihrem Schreibtisch sitzen, wo sie einer immer größer werdenden Leserschar in ihren Zeitungsartikeln ihre Erlebnisse, Beobachtungen, Gedanken und Gefühle offenbarte. Wir sehen, wie sie in ihrer offenen Art ihr Lesepublikum auch immer wieder direkt ansprach und ihre subjektiven Sichtweisen stets selbstbewusst vertrat. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie sehr das Franz Kafka imponiert haben muss, der ihr Schreiben verehrte wie sie das seine. Aber da Milena furchtlos war und sich nicht – so wie er – hinter der eigenen Literatur versteckte, sehen wir Milena ganz klar vor uns in ihrem Werk. Es bot sich daher an, in unserem Stück auch immer wieder Auszüge ihrer Zeitungsbeiträge einzuarbeiten, die wir als O-Ton über stummes Spiel legen, um zu zeigen, wie sehr ihre persönliche Erlebnisse und Gedanken sie auch für ihre Artikel inspirierten.

 

Die prägendsten Ereignisse

In szenischen Rückblenden sehen wir sodann auch Milenas prägendste Erfahrungen, das langsame Sterben ihrer Mutter, um die sie sich kümmerte, die Verbannung durch den strengen Vater und wie Ernst Polak, ihr geliebter und untreuer Ehemann, sie schon am Bahnhof allein lässt in der fremden Stadt. Wir erleben Milenas quälende Einsamkeit, ihre Verlassenheit in der Fremde, aber auch ihre kleinen Freuden und ihr großes Glück.

 

Ihre imaginären Kräfte

Milenas großes Glück dieser Wiener Zeit, es war die imaginäre und dabei so exzessive Briefliebe mit Franz Kafka. Wir sehen, wie sich beide in sie hineinstürzten, als er gerade zur Kur in Meran weilte, sehen, wie sie im Sommer 1920 gemeinsam viereinhalb glückliche Tage in Wien verbrachten, wie sie sein Lichtblick wurde, und wie er dann aber wieder zurückkehrte in seine Angst, die sie mit ihren Augen nur kurz niederstrahlen konnte. Wir sehen die Zweifel und Schuldgefühle, die er ihr hinterließ und wie Milena in einer sehr schwachen Stunde von ihrer Hausbesorgerin Pani gerettet wurde, die sie in einem Artikel als ihre beste Freundin verewigt hat. Wir erfahren, was beide Frauen durch die Wiener Hungerjahre nach dem Ersten Weltkrieg brachte, warum Milena auch in Wien stahl und ins Gefängnis musste und dass ihr das aber wenig auszumachen schien, da hinter der verschlossenen Tür eben nur die Wirklichkeit wartet und nicht die Welt.

 

Bis heute lässt uns Milena in ihren wunderschön fließenden, pointierten, philosophischen und poetischen Artikeln, Feuilletons und Reportagen in ihr innerstes Wesen schauen. Wir sehen dabei auch ihre dunklen Seiten, zu denen sie aber immer stand, weil sie zum Menschsein einfach dazugehören. Wir hören, was sie über das Kino schrieb, das Kafka und sie liebten, sehen, wie Milena die Welt sah, auch ihr eigenes Leben, nämlich positiv trotz allem und voller Wunder, sehen, woran ihr Blick sich schärfte, an dem scheinbar Unscheinbaren, und worauf es ihr ankam in ihrem Schreiben: Tief unter alle Oberflächen zu schauen und die Welt durch Verständnis zu bereichern.

 

Eine Schlüsselszene im Stück ist, wie Milena als Backfisch zur Erkenntnis kam, dass ein Schmerz nicht endlos sein muss und dabei schlagartig erwachsen wurde. Auch welch innere Kraft sie aus dieser Erkenntnis zog für ihr weiteres Leben. Sie erkannte damals, dass man auch den größten Schmerz selbst lindern kann und sich wieder aufrichten durch die Kraft des eigenen Bewusstseins und der Imagination.

 

Ihre Beziehung zu Kafka

Ihre imaginäre Briefliebe mit Franz Kafka war es dann auch, die Milena wahrscheinlich durch ihre harten Wiener Jahre rettete und die sie vielleicht erst zu jener Frau werden ließ, als die sie später wieder in ihr geliebtes Prag zurückkehren sollte. Nach Kafkas Tod im Jahr 1924 und ihrer schmerzhaften Scheidung von Polak begann dort für Milena ein neues Leben. Wie die Stadt selber, die aufblühte und nach dreihundert Jahren Monarchie-Zugehörigkeit ein Zentrum der Moderne wurde, blühte auch Milena auf. Ein sehr guter Boden Altneulands also, um auch als Einzelne in die Unabhängigkeit zurückzukehren. Aber das werden wir erst in unserem zweiten Milena-Stück ab Herbst zeigen.

 

Im ersten Teil soll es vor allem um die Verbindung von Milena und Kafka gehen, denn Kafka war so prägend auch für Milenas weiteren Weg, dass sich damit erahnen lässt, warum sich Milena von dieser radikalen Nachzüglerin der Romantik zu einer tatkräftigen und bodenständigen Frau entwickelte, deren Hilfsbereitschaft und Toleranz später bis zur Selbstzerfleischung gingen.

 

Die Geschichte von Kafka und Milena ist eine von Legenden umwobene und auch unser Stück will nicht nur Fakten wiedergeben, sondern ganz im Stile Milenas, wenn sie über andere Menschen schrieb, auch Empathie und Vorstellungskraft miterzählen lassen. Es geht darum, neben den biografischen Fakten auch die seelische Tiefe und die imaginären Kräfte, die diese Beziehung durchwirkten, mit zu erfassen und aus den Quellen heraus eine Stimmung zu erzeugen, die nachfühlbar macht, wie schön und tragisch zugleich diese Liebe gewesen sein muss. 

 

Dass es eine gewaltige Liebe gewesen sein musste, steht außer Zweifel. Milena und Kafka, sie wurden ein Liebenspaar, zumindest für kurze Zeit in langen Briefen, die ab Frühling 1920 zwischen Meran und Wien hin und her wechselten, oft mehrmals am Tag. Und da redeten zwei, die bald viel voneinander wussten, weil sie einander sofort vertrauten und es in beider Leben Sehnsüchte gab, die wechselseitig gestillt werden konnten, zumindest in ihrem Schreiben.

 

Er bedankte sich zunächst bei ihr für ihre Mühe des Übersetzens, für ihre Worte, und dass sie ihm zuhörte. Dann wurde die Korrespondenz rasch inniger. Von Kafka, der 13 Jahre älter war als sie und den sie Frank nannte, bekam Milena endlich die Fürsorge, die sie von ihrem Mann entbehrte. Wie ein Sturm ist sie in Kafkas Zimmer gefallen und er schloss das Fenster nicht, er machte es ganz weit auf. Ließ sie herein und spürte sie im Geiste neben sich. Er liebte ihren Schreibstil, ihre impulsive Offenheit, ihren klaren Blick, ihren wilden Lebensdrang. Er spürte ihre ganze Kraft und trank sie aus den Briefen wie seine Milch, um sich davon zu nähren. Er dankte ihr, dass sie keine Angst hatte vor seiner Angst. Und auch dafür, dass sie ihn zu trösten versuchte, obwohl sie ihn selber so bitter nötig hätte, den Trost.

 

Nach mehrmonatigem Briefwechsel wollte Milena ihren Frank dann endlich sehen und bat ihn, auf seiner Rückreise von Meran nach Prag in Wien vorbeizukommen. Aber Kafka zögerte, zauderte, hatte eine fürchterliche Angst vor Entzauberung. In den Briefen tat er sich um ein Vielfaches leichter, ihr nah zu sein, ihr alles anzuvertrauen, seine Krankheit, die TBC, seine katastrophalen Verlobungen, seine Schuldgefühle, seine Schlaflosigkeit und wie er sich fühlte in der Welt.

 

Kafka, das weiß man von ihm selbst, fühlte sich von Milena verstanden wie von niemandem sonst auf der Welt und sie schaffte es auch, ihn zu beruhigen und seine Ängste und Zwänge zumindest zeitweise zu besänftigen. Und als er dann endlich einer leibhaftigen Begegnung zustimmte, als sie sich endlich in die Augen sehen konnten, fühlte er sich sogar kurz ganz frei.

 

Diese geheimnisvollen viereinhalb glücklichen Tage in Wien im Sommer 1920, die wir in unserem Stück fantasiereich rekonstruieren, sie sollten jedoch zum Wendepunkt in Milenas und Kafkas Briefbeziehung werden. Hätten sie sich besser nicht treffen sollen in Wien? Da ich Dich liebe, liebe ich die ganze Welt, schrieb er ihr, als er wieder zurück in Prag war und seine ganze Zwanghaftigkeit brach erneut aus ihm hervor.

 

Nach Wien wollte Kafka Milena unbedingt bei sich in Prag haben, das nötige Geld wollte er zur Verfügung stellen, aber sie wollte nicht zu ihm nach Prag. Als er es begriff, kehrte sein Husten zu ihm zurück, und wieder die Angst. Trotzdem waren sie sich immer noch nah. Es muss eine sonderbare Nähe gewesen sein, wie in einem Traum. Nach dem Schweiß ihrer Körper nun wieder die eingetrocknete Schrift. Kurz hatte Kafka in Wien Milenas Körper gespürt. Er, der körperliche Nähe sonst nicht aushalten konnte. Musste er sich nun beweisen, dass er es doch schaffte, mit jemandem leben? Sich? Seinem Vater? Ertrug er es nicht, dass sie ihr Leben teilte mit Polak in Wien? So, dass er sich fühlte wie eine Maus, die nur einmal im Jahr über ihren Teppich laufen durfte?

 

Jedenfalls verfiel Kafka in eine bipolare Stimmung, die zwischen euphorischer Sehnsucht und Trauer und Schmerz pendelte. Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit mischten sich nach und nach dazu und sie sollte sogar sein Messer werden, mit dem er in sich wühlte. Wahrscheinlich aus Selbstschutz blieb ihm letztendlich nichts anderes übrig, als sich wie ein verwundetes Tier von ihr zurückzuziehen.

 

Viele Fragen tun sich auf, warum sie für ihn so übermächtig wurde, dass er sich wie ein Waldtier fühlte, das sich nur kurz bei ihr niederducken durfte, wie es in einem seiner Briefe an sie steht. Waren sie trotz ihrer tiefen Seelenverwandtschaft doch zu verschieden? Sie trotz allem ein lebensbejahender Mensch, er ein sonderbarer Einzelgänger, der nur manchmal in Gesellschaft lustig sein konnte, dann aber so richtig. Einer, der zögerte, sich auf das Leben, auf die Sitten und Normen der Gesellschaft einzulassen. In seiner ständigen Schlaflosigkeit, seinem verschleierten Blick zwischen Wachen und Träumen, in dem er manch kafkaeske Figur bzw. Situation schuf, musste er scheinbar immerfort alles bedenken. Verstrickte er sich deshalb immer mehr in den zwanghaften Gedanken, Milena und der Welt nicht genügen zu können?

 

Ihre Schuldgefühle

Und Milena? Wie verkraftete sie Kafkas Rückzug? Konnte sie ihn überhaupt begreifen? Wie reagierte sie auf seine spätere Behauptung, dass er Briefe hasse, weil alles Unglück nur von ihnen ausginge, da es ein Verkehr zwischen Gespenstern sei? Als Kafkas Lichtgestalt hatte sie sein Leid manchmal niederstrahlen können, seine monströse Angst vor der Welt, seine inneren Dämonen und seine Komplexe konnte aber auch sie nicht heilen, hatte Kafka doch heimlich beschlossen, es sich in seiner tödlichen Krankheit, der TBC, einzurichten, um den vielen Zumutungen der Welt zu entkommen. War sie nun seine größte Zumutung geworden, hatte sich plötzlich alles gedreht?

 

Wir wissen aus Milenas Verzweiflungsbrief an Max Brod, dass sie Antworten darauf suchte, die keine Psychoanalyse sein sollten. Ihre „Liebe zum Flug“ hat sie, was Frank betraf, hart aufkommen lassen auf dem Boden der Realität. Ihre Loslösung von ihm war schmerzhaft wie kein Abschied davor.

 

Zuvor hatte ihr Kafka verboten, ihm weiter zu schreiben und kehrte dann sogar wieder zurück zum Sie, als er sein Schreibverbot selbst durchbrach. Milena blieb mit einem tiefen Schuldgefühl allein zurück und hatte den Drang, sich zu rechtfertigen. Sie tat es bei Max und schrieb ihm, warum sie nicht zu Kafka nach Prag kommen wollte, um mit ihm zu leben. Mehr als nach dem Fliegen sehnte sie sich nämlich nach einem Leben, das der Erde viel näher wäre. Ihr Ja zum sinnlichen Leben, ihr Nein zur Askese, das waren ihre Gründe trotz ihrer großen Liebe zum Flug, trotz ihrer romantisch-dunklen Seite. Ob sie dies auch vor Kafka selbst so äußerte?

 

Ihre verschollenen Briefe

Man weiß es nicht. Milenas Briefe an ihn sind unglücklicherweise bis heute verschollen, während seine an sie zu Weltliteratur kristallisierten. Und so bleibt uns nur ihr atemberaubender Nachruf auf den geliebten, verlorenen Gefährten, den sie für ihre Prager Zeitung schreiben musste. Früher als alle anderen hatte Milena geahnt, was sich da mit Kafka gerade Gewaltiges heranschrieb an die Weltliteratur. Und niemand sonst hat nach Kafkas Tod 1924 so treffende Worte über ihn gefunden wie Milena Jesenská es tat.

 

WUNDER

Cornelia Metschitzer, 27.03.2022

Nicht müde werden, nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Das sind Gedichtzeilen von Hilde Domin, die uns auch heute wieder Kraft geben können, Kraft und Mut. Wer hätte geglaubt, dass uns Kraft und Mut je ausgehen würden? Wir brauchen doch alle keine Helden mehr sein, und auch keine Heldinnen, sondern dürfen sie wieder dankbar annehmen, solche Worte.

Oder Kafka. Was er einst schrieb, es hat Gewicht und Gültigkeit bis heute in seiner ganzen Heldenlosigkeit, die auch die unsrige wieder geworden ist. Aber Kafka ist eben das Gegenteil von Rhetorik. Bei ihm kommen nicht aus der Verzweiflung Helden, sondern aus dem Zweifel Antihelden. Er selber zögerte wie vor der Geburt. Doch die dunklen Mächte bemächtigten sich seiner von innen her. Die einzelne Seele, eine große und eigene böse-schöne Welt? Milena, mit der Kafka viele rettende Briefe schrieb, Milena Jesenská, sie war eine mutige Journalistin, bezahlte dafür letztlich mit ihrem Leben, und rettete das von anderen Menschen. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, nicht zu helfen. Sie zögerte nie, sich ins Leben zu stürzen und tat, was sie tun musste. Ohne viel nachzudenken dabei. Gleichzeitig schrieb sie an gegen die Entzauberung der Welt. Noch im KZ versuchte sie mit ihren Augen das Leid niederzustrahlen. Natürlich darf man auch sie nicht verklären. Denn als Heldin hätte sie sich nie gesehen. Moral war ihr suspekt. Wegen „moralischem Irrsinn“ wurde sie schon als junge Frau in die Psychiatrie gesperrt. Sie kriegte von der Wärterin einen Schlüssel und später knackte sie Kafkas Schloss. Sie war die erste, die ahnte, was sich da mit ihm Gewaltiges heranschrieb an die Weltliteratur. Wurde seine erste Übersetzerin ins Tschechische. Kafka, er schrieb Liebesbriefe an Milena, wo man sein Herz offen da liegen sieht, und er schrieb gleichzeitig unheimliche, ja grausame Erzählungen. Diese oft in wachtraumartigem Zustand. Schreiben war ihrer beider Liebe. Aber da Kafka dann doch noch auf die Welt gekommen war, scheinbar ohne Augenlider, weil er doch nie schlafen konnte, musste er alles sehen und alles bedenken. Das Licht von Milenas Augen begann ihn zu blenden und er zog sich zurück in seinen dunklen Wald. Dort sprach er den weisen Satz, dass man sich eher vor seinen vermeintlich guten Taten fürchten solle.

Irrtümer sind menschlich, Krieg ist unmenschlich, aber von Menschen gemacht. Kriegsrecht wird gebrochen, auch wenn es grotesk klingt, dieses Wort: Kriegsrecht. Und halten tut es auch nicht. Die großen Worte, sie halten nicht, was sie versprechen, die klugen Worte, sie gehen uns aus. Aber die Welt nur mit dem Verstand erfassen zu wollen, nur mit Statistiken, da fehlt doch was? Da fehlen Gründe und Abgründe. Manche beten jetzt wieder zu einem Gott, an den sie nicht mehr glauben wollten. Dabei ist der Glaube das größere Wagnis, nicht das Denken, sagt Kierkegaard. Abraham hatte schon das Messer an seinen Sohn Isaak gelegt, aber der Vater hatte Vertrauen, dass alles gut ausgehen würde für sich und seinen Sohn. Dieses Bild hat sich in Kierkegaard eingebrannt und er wollte Gott selber ein Opfer bringen, sich. Kierkegaard suchte nach einer Wahrheit, nach einer Idee, für die er als Einzelner bereit war zu leben und zu sterben. Allgemeine Wahrheiten und Gedankengebäude, in denen er selbst nicht leben konnte, lehnte er ab. Und so legte er sich an mit vielen, auch mit der Kirche, besonders mit der Kirche. Aber er liebte Jesus. Wer sollte Jesus nicht lieben können? Man muss dafür nicht einmal ein religiöser Christ sein. Man kann Jesus lieben wie einen Menschen. Das ist ja das Grandiose! Es gäbe auch heute wieder viel Arbeit für ihn, viel Hilfe zu leisten, viele Wunder zu vollbringen, viel Schuld aufzusammeln. Verschuldete, mitverschuldete und unverschuldete Schuld.

Gedankenlosigkeit kann sehr gefährlich sein. Gedanken können auch sehr gefährlich sein. Viel gefährlicher als man denkt, und das nicht nur, wenn sie sich in Kriegszeug verwandeln. Wenn auf wirre Ideologien systematisches blutiges Handeln folgt für das scheinbar einzig gültige, einzig gute Ziel. Hat man das Ziel einmal für einzig und gut befunden, werden alle Mittel Recht. Alles, was sich diesem Ziel in den Weg stellt, wird geopfert. Bis man vielleicht das Grauen vor sich selber in sich aufsteigen spürt und man sich rasch einen nächsten Mythos baut, um nicht in den eigenen Abgrund schauen zu müssen.

Auch wenn man das vermeintlich Gute will, kann es ins Schlechte, ja ins Böse kippen. Obwohl man es gar nicht wollte, im Gegenteil. Oder es nicht sah durch eine fatale Verblendung. Weil man nicht oder zu sehr geglaubt hat. Weil man eine andere, eine bessere Welt wollte.

Da muss ich sofort auch an die Ulrike denken, Ulrike Marie Meinhof, deren Lebensgeschichte mich zutiefst berührt und mir unendlich zu denken gibt. Ihre Metaphysik war zunächst schön, doch aus ihren klugen, religiösen und humanistischen Gedanken wurden später gewaltsame Phrasen. Sie wollte das Gute für alle Menschen. Das klingt gutmütig, kann aber auch brandgefährlich sein. Sie kämpfte zunächst in der Anti-Atomwaffen-Bewegung, zusammen mit ihrer Ziehmutter. Ihre Eltern verlor sie früh. Dann geriet sie an die falsche Clique. Sie geriet in die Ideologie. In ein Knäuel, aus dem sie nicht mehr herausfand, obwohl oder gerade weil sie klug war und sensibel. In dieser Clique wurde mit Ideologien Geschäfte gemacht. Das Geschäft war das Wort. Sie verschrieb sich einer einschlägigen Zeitung. Aber die Schlüsselszene von Ulrikes Tragödie ereignete sich im Leseraum einer Bibliothek. Als sie dabei mithalf, den Gefängnis-Freigänger Andreas Baader zu befreien. Die Befreiungsaktion geriet aus dem Ruder. Am nächsten Tag prangte ihr schwarz-weißes Bild in allen Blättern, an allen Wänden. Ulrike Meinhof wurde das Gesicht der RAF. Sie wurde medial an den Pranger gestellt. An diesem Pranger, nicht erst im Gefängnis, als sie sich erhängte, hat sie ihr Leben verloren. Sie konnte nicht mehr zurück.

Auch sie war vielleicht eine Kierkegaard, eine Kafka, eine Milena, nur in einer anderen Zeit, umgeben von anderen Phänomenen, hineingeboren in eine herzlose Welt, die im wiederaufgebauten Schein keine Kritik ertragen konnte. Auch Ulrike, die irgendwann begann, Gewalt gutzuheißen, für einen höheren Zweck, wurde selber das Opfer von Gewalt.

 

Wie weiß man, ob es der richtige Weg ist, den man geht, wenn erst die Rückschau zeigen kann, wohin er dich geführt hat? Was also wäre der richtige Weg? Welche Schilder stehen dort zur Orientierung und wer hat sie eigentlich aufgestellt? Wohin soll man gehen, um sich nicht zu verirren, um sich zurechtzufinden und möglichst unbeschadet zu bleiben dabei und v.a. auch keinem anderen Schaden zuzufügen? Nicht nur in Krisenzeiten ist die Vernunft in vielen Menschen nicht mehr erreichbar. Aber die Vernunft ist auch sehr hoch oben und schaut angewidert auf diejenigen herab, die noch glauben können und nicht nur wissen wollen. Glauben jedoch kann leicht ins Irreale, ja Irrationale kippen. Aber kann man nicht auch durch das Licht der Aufklärung so geblendet sein, dass man nichts mehr sieht? Kann uns der Fortschrittsglaube nicht auch an den Abgrund führen, wenn man zu fasziniert ist von all den Möglichkeiten des Geistes und der Technik? Der Fortschritt darf nicht angezweifelt werden, sonst säßen wir weiterhin auf den Bäumen, aber wenn der Fortschritt selbst wieder zum Mythos wird, wenn er die Grenzen des Denkbaren überschreitet, wenn er durch Eigenfaszination auch gefährlich werden kann in seinem Größenwahn? Wenn er neue Abhängigkeiten schafft, dadurch letztlich die Katastrophen befeuert, die er doch eigentlich so gern verhindern will?

Vielleicht ist es das Zuviel an Berechnung, das Zuviel an Nützlichkeitsdenken, die mir den Fortschritt verleiden? Und deshalb habe ich wahrscheinlich auch kein Smartphone und deshalb bin ich auch nicht auf Facebook und deshalb fühle ich mich auch so in der Kunst daheim. Dort ist das Intuitive noch nicht verpönt, das Erspüren der Welt. Dort kann man noch an Tabus rütteln und das Verborgene zeigen. Man kann dort Menschen und Welten entwerfen, die die Widersprüchlichkeiten allen Fühlens, Denkens und Handelns aufzeigen. Man kann in der Kunst v.a. auch neue Welten schaffen und dem Wunder leise die Hand hinhalten wie einem kleinen Vogel. Warum genügen uns Wunder nicht, warum braucht man immer eine Erklärung, fragte schon Milena. Fürchtet man sich dann, in die Esoterik-Schublade gesteckt zu werden? Jedoch nichts ist irrealer als die Geldwirtschaft, nichts ist irrationaler als der Krieg.

Das Irrationale, wie es auch in Kafka tief im Innersten wütete, ist nicht zwingend das Gegenteil von Vernunft. Kafka wirkte sehr strukturiert, denn er fühlte sich fremd in der Welt. Sie machte ihm Angst. Auch er lebte in einer Umbruchszeit, auch er lebte unter Seuchen und Krieg. Aber Kafka lächelte. Und auch unter seinem blauen Anzug des Versicherungsangestellten sah man seine dunkle Seele nicht. Aber manchmal in seinen Augen. Immer saß er da, meistens stumm, und nickte lächelnd. Doch das Misstrauen ist schon länger unter uns als alle Seuchen. Unser kindliches Vertrauen haben wir verspielt. Ich möchte wieder unschuldig und arglos sein dürfen wie die Kinder. Ich möchte wieder groß denken können, ohne mich vor meinen Gedanken fürchten zu müssen. Wenn man zu viel nachdenkt, wird man verzagt oder verrückt. Man will nicht aus der Bahn geworfen werden, nicht ins All fliegen und unkontrolliert Purzelbäume schlagen.

Die Macht der Gedanken. Wenn Milena in Wien vor ihrem Fenster stand, sah sie etwas, was man mit den Augen allein gar nicht sehen kann. Die Welt. Vor dem Fenster liegt die Welt, vor der Tür aber liegt nur die Wirklichkeit, schrieb sie. Eine entzauberte Welt ohne Wunder, eine mechanische Welt, die nur nach dem Realitätsprinzip funktioniert, sie war ihr zu wenig. In einem ihrer Texte heißt es so schön: Du blickst in die Gesichter von Menschen und in die Gesichter von Tieren, und es kommt dir vor, als wüsstest du etwas, was sie nicht wissen. Im stillen streichelst du sie, und du wunderst dich, wie seltsam sie leben und wieviel Arbeit sie brauchen, um essen, wohnen, lieben und fühlen zu können. Milena kannte die Geschichten dieser Menschen und Hunde nicht, weder ihre Namen, noch andere Details, aber sie konnte sie sich vorstellen kraft ihrer Fantasie und Empathie. Und die Welt dieser anderen erschloss sich ihr gerade im Nichtwissen und in einem einzigen Augenblick. Die eigenen Bilder, sind sie nicht oft größer als die Wirklichkeit selbst und haben sie nicht eine einzigartige Kraft? Und sind diese imaginierten Bilder nicht manchmal die besseren, da man sie sich selber ausmalen kann? Auch auf die Gefahr hin, dass man sich in ihnen verliert, in ihnen verschwindet? Sich verirrt in den Labyrinthen des eigenen Bewusstseins? Solange man weiß, dass man sich verirren kann, ist es gut. Wenn man aber nicht mehr weiß? Zu gut weiß man jedenfalls von den eigenen inneren Kämpfen, deshalb traut man auch den anderen draußen alles zu. Es ist überall gefährlich geworden. Drinnen und draußen. Umso verzweifelter beginnt man zu suchen. Die unbehauste Seele sucht ein Zuhause, wo sie manchmal Ruhe finden kann und Trost. Gerade in Krisen- und Kriegszeiten. Man spürt sich wieder als Mensch und beginnt das Leben zu lieben, auch wenn es schwerer ist denn je. Auch wenn man nur schreckliche Bilder sieht, die man sich gar nicht vorstellen will. Es berührt aber nur das, was man sich auch vorstellen kann. Statistiken können das Leid der einzelnen nicht ermessen. Es bleibt abstrakt, berührt nicht. Man braucht eine berührbare Seele in einem verwundbaren Körper. Das wäre doch der Mensch?

Jeder Mensch braucht etwas, an das er auch glauben kann. Und wenn er sagt, er glaube an nichts, ist selbst das ein Glaube. Doch die Metaphysik verschwand immer mehr. Wurde suspekt oder töricht. Das Wissen hat dem Glauben den Rang abgelaufen. Das Sichtbare und Messbare wurde das Gültige. Die menschlichen Innenräume bleiben verschlossen, das Unbewusste bleibt unberechenbar. Aber auch innere Kämpfe können dich zerreißen wie Bomben. Auf welches Fundament lässt sich bauen, ohne fundamentalistisch zu werden?

Das Leben steht nie still. Kein allgemeines Gedankengebäude kann es daher einhausen. Allgemeine Erkenntnisse trösten den Einzelnen kaum. Wir alle aber brauchen Trost, denn es ist wieder viel Trauer in die Welt gekommen. Kierkegaard, ihm sollten wir jetzt wieder mehr zuhören. Dem Denker des Paradoxen. In unserer paradoxen Zeit. Wie sollen wir leben, uns verhalten zu uns selbst und zu den anderen? Lebenskunst ist bei ihm alles andere als ein Wellness-Begriff, er ist existentiell. Der Einzelne, wie kann er seinem Zweifel, seiner Angst entkommen? Indem er sich Sinn sucht? Durch sinnvolles Handeln, gemein- und eigennützig zugleich? Es kommt auf jeden einzelnen an, sagt auch Milena. Und Kafka lächelt. Er hat gut lächeln, hat sich hinter seiner Krankheit versteckt, gepanzert wie ein Käfer. Er sah vieles, und seine Parabeln sind schrecklich. Ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch, der auch dort noch wachsam blieb, wo die anderen sich bereits sicher fühlten, wie Milena in ihrem Nachruf auf den geliebten Gefährten schrieb. Der einzige „Brief“ von ihr an ihn, der nicht verschollen ist. Aber da war Kafka schon im unbebauten Teil der Welt. Die bessere Adresse momentan, hinter dem Mond? Als auch Rilke dorthin übersiedelte, gratulierte ihm Marina dazu und hörte nicht auf, ihm zu schreiben. Marina Zwetajewa, die russische Dichterin, weil er nicht gestorben war in ihrem Herzen. Der Strick, den sie sich um den Hals schlang, später, war auch eine Flucht. Aber wohin soll man fliehen, wenn man es auf der Welt nicht mehr aushält? In den Wahnsinn? Dort wohnen doch ach so viele schon.

Auch Kafka war ein Flüchtling, aber er floh nicht, wie manch anderer Genius, in intellektuelle Irrtümer, sondern zeigte sie auf, die Macht und Ohnmacht, die ganzen Paradoxien, die ganzen Missverständnisse, die auch unverschuldete Schuld der Menschen und ihren grotesken Überlebenskampf als Mäuse und Käfer und Maulwürfe. Ohne Zeigefinger, ohne Zynismus, sondern kafkaesk aus sich selbst schöpfend, in sich selbst wühlend. Und dabei doch auch immer noch an Wunder glaubend wie ein kleiner Bub. Der er nie sein durfte, weil er schon so früh besiegt worden war von seinem eigenen Vater.

Es gibt Wunder auf der Welt, die allen gehören, schrieb Milena in ihrem Fenster-Essay. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt lebt man mit ihnen, ohne sie zu bemerken, doch dann tauchen sie plötzlich vor einem auf, so tröstlich, so kostbar. Man muss nur an sie glauben können, an ein wenig Metaphysik, auch wenn man ein der Erde und dem Leben zugewandter Mensch sein will. Aber das schließt sich nicht aus. Nichts schließt sich aus. Vielleicht wäre das ja ein halbwegs gültiger Satz.

 

KUNST IN DIESER ZEIT

Cornelia Metschitzer, 31.12.2021

Beginnen soll es hier damit, dass die Kunst zur Sprache kommt. Aber nicht Kunst generell, sondern Kunst in der momentanen Zeit. Und wie schwierig sie zu machen ist, wenn man nicht Weltflucht betreiben will und wenn man sich individuell mit dem unmittelbaren Heute auseinandersetzt.

 

Vielleicht erscheint die Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung gerade nicht so wesentlich. Die Gesundheitskrise hat sich zu einer allumfassenden Krise ausgewachsen durch die unerwartet lange Dauer der Pandemie. Und alle sind damit beschäftigt, die Schäden zu minimieren, die Kernbereiche des Lebens aufrechtzuerhalten und dazu beizutragen, dass diese schwierige Zeit hoffentlich bald zu Ende geht.

 

Trotzdem ist auch der Kunstbetrieb ein lebendiger Organismus im Gesellschaftsgefüge und nicht isolierbar aus der Zeit. Menschen in der Kunst haben große Sensoren für das sie Umgebende, horchen aber auch sehr in sich selbst hinein. Der Künstler, die Künstlerin sind in ihrer Zeit verhaftet, gleichzeitig sind sie aber auch in einer Parallelwelt, da sie auch in ihren Werken leben. Kunst hört auch in den Lockdowns nie auf, weil man sie immer mit sich herumträgt.

 

In trostlosen Phasen kann Kunst auch in der Öffentlichkeit einen besonderen Beitrag leisten, diese seelisch besser zu meistern. Das gilt für die Kunstschaffenden selbst, die weiterarbeiten müssen, weil sie nicht anders können, aber auch für ein Publikum, das man weiterhin erreichen will. Und das ebenfalls weiter erreicht werden will, wenn auch nicht in der üblich großen Zahl. Kunst ist in einer Zeit wie dieser vielleicht sogar noch wichtiger als sonst. Denn sie kann Mut machen und Bewusstsein schaffen, sie kann kurzfristig ablenken vom Elend, sie kann Sorgen und Nöte aber auch thematisieren und damit anschaulich machen in veränderter Form. Vor allem aber kann Kunst Geschichten erzählen. Ganze Geschichten jenseits des Tagesaktuellen, wo Figuren aus Fleisch und Blut in ihrer jeweiligen Situation fühlen, denken und handeln und wo diese Menschen nicht nur in ihrem Jetzt erzählt werden, sondern auch, wie und warum sie so geworden sind und warum sie so denken und handeln, wie sie es eben jetzt gerade tun.

 

WUNDALAUND

Die Gegenwart ist flüchtig und in Corona-Zeiten noch viel mehr. Alles kann sich über Nacht plötzlich total umdrehen und deshalb versuchten wir in unseren bisherigen Lockdown-Projekten wie etwa bei unserer Triple-CD WUNDALAUND größere Gedankenbögen zu spannen, die von Corona weg ins Allgemeinere führen. Gleichzeitig gibt es hier aber auch die zutiefst subjektive Sicht einer Protagonistin, die zu Corona plötzlich mit ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit konfrontiert wird. Keine direkte Auseinandersetzung also mit den täglichen Ereignissen unserer Zeit, sondern eine mit anderen Frauenschicksalen verflochtene Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, in denen sich aber auch allgemein wiederkehrende Muster zwischen Macht und Ohnmacht abbilden. Muster von oft unsichtbarer männlicher Gewalt, die nicht nur in persönlichen, sondern auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu Leid, Armut, Ausbeutung und Abhängigkeit führen. Und die man gerade jetzt zu Corona auflösen könnte, wo der ganze alte Dreck wieder zum Vorschein kommt.

 

Die Zusammenschau von persönlichen und strukturellen Problemen auf metaphorische, poetische und musikalische Weise ist ein außergewöhnlicher künstlerischer Zugriff auf die momentane Realität und weist weit über sie zurück und hinaus. Und das ebenfalls auf sehr subjektive Art. Es soll ein nicht anmaßender, nicht schlau wissender Zugriff sein. Einer aber, der gerne berühren möchte, und wo die Kritik ebenfalls künstlerisch verbrämt wird und weder moralisieren noch anklagen will. Die in der romantischen Tradition stehende Erzählung setzt aber auf die sensible Wahrnehmung eines Publikums, das quasi durch die Wand mithören kann, was die Protagonistin und ihr Mann in einer Mondnacht im ersten Corona-Sommer in ihrem Haus reden, denken und fühlen. Man wird dabei Zeuge fürchterlicher, aber auch wunderbarer Geschichten, fürchterlicher, aber auch wunderbarer Gedanken und vor allem eines Bewusstwerdungsprozesses, der aus den alten Ängsten, Zwängen und Abhängigkeiten führen soll. Und der auch für die gesamte Gesellschaft wünschenswert und auch bitter notwendig wäre, um in eine heilere Zukunft zu blicken. Aber dafür muss jede und jeder bei sich selbst zu schauen beginnen, auch wenn es unbequem oder sogar schmerzhaft werden kann.

 

Man muss in einem größer angelegten Werk also einen künstlerischen und inhaltlichen Fokus legen und es dauert auch eine gewisse Zeit, bis das Werk dann auch formal fertig ist. Es kann sein, dass sich dann die Realität gerade wieder gedreht hat und dass man nicht up to date bleibt, weil neue Erkenntnisse hinzugekommen sind oder Dringlichkeiten sich geändert haben. Aber universell und subjektiv bleibt WUNDALAUND in sich schlüssig, zumal man sich spätestens dann, wenn Corona keine Pandemie mehr ist, der Diskussion stellen wird müssen, wie es weitergehen kann auf der Welt, um nicht gleich wieder in die nächste Katastrophe zu schlittern.

 

Kunst über und zu Corona lässt Inhalt und Form auf subjektive und kaleidoskopische Weise zusammenfließen und wird oft das Gegenteil von nüchterner Berichterstattung sein, ohne an gesellschaftlicher Brisanz zu verlieren. Kunst über und zu Corona literarisiert, verfremdet, fokussiert, fantasiert, allegorisiert, verdichtet, verknüpft Dichtung mit Wahrheit und will Zusammenhänge oder spezielle Wahrnehmungen oder Erfahrungen zur Anschauung und Diskussion bringen. In jeder Kunst findet Verfremdung statt, allein durch den künstlerischen Akt selbst, egal, welches Thema man berührt.

 

DAS GEMEINSAME SUCHEN

Wie immer er sich auch gestaltet, dieser künstlerische Akt, es ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen, sich direkt in der Corona-Zeit mit Corona kreativ zu befassen und deshalb ist ein fortlaufendes Podcast-Projekt, wie wir es jetzt mit DAS GEMEINSAME SUCHEN ins Leben gerufen haben, eine sehr passende Form. Auch um vielen verschiedenen Stimmen und Stimmungen, Erfahrungen und Sichtweisen gerecht zu werden und die Perspektiven zu fächern.

 

In unserem neuen Lockdown-Projekt möchten wir nun also die Geschichten von vielen verschiedenen Menschen hören und dabei das Gemeinsame suchen. Ein strapaziertes Wort, das Gemeinsame, aber ein wichtiges, denn Corona hat die Menschen vielfach getrennt, körperlich und auch geistig und emotional. Jede und jeder erlebt die momentane Situation anders, muss auf jeweils eigene Weise fertig werden mit ihr, obwohl wir sie nur gemeinsam stemmen können. Unter all den verschiedenen Erfahrungen und Auffassungen, Verwirrungen und Verwerfungen muss es aber auch einen gemeinsamen Kern geben und den möchten wir aufspüren.

 

Ins Innerste vordringen, das kann Kunst besonders gut, weshalb sie auch eine große Ehrlichkeit zeigt, obwohl sie inszeniert ist. Aber es ist eine offengelegte Inszenierung, ein Schein, der nicht betrügt. In der Kunst kann man auch furchtloser sein als im Leben selbst, weil sie ein Schutzraum ist. Im Kleid der Kunst wird vieles erzählbarer, vieles annehmbarer, was in der Realität verdrängt oder überdeckt wird. Man kann in der Kunst tief nach innen schauen, auch innerste Schäden und Wunden hervorholen und zeigen, wie sie entstanden sind. Diese Zeit gibt uns die Kunst. Und man braucht sie auch. Denn in einer Kunst, die nicht nur Produktionen verkaufen will, ist man immer auf der Suche. Man schöpft aus sich selbst und verwandelt sich, sieht die Realität plötzlich mit anderen Augen. Man weiß zunächst nicht, wo sie einen hinführt, die Kunst. Sie kann auch mit einem durchgehen. Man überwindet dann auch leichter Grenzen. Mit der ungeahnten und treibenden Kraft der Kunst lassen sich Realitäten, Scheinrealitäten und auch Tabugrenzen überschreiten. Es kommt oft zu einer großen Öffnung, einer Öffnung des Geistes und auch des Herzens. Offenherzigkeit in der Kunst ist eine ausgestreckte Hand, die man annehmen kann.

 

Mit unserem Lockdown-Projekt möchten wir genau auf diese Öffnung bauen. Geschichten, Gedanken aus der Realität können durch Kunst umgeformt werden, so, dass man sie auch besser geben und nehmen kann. Das ist gerade bei schwierigen Themen wichtig. Dabei entsteht dann etwas Neues, etwas Anderes, das man nun auch mit neuen und anderen Augen sehen kann.  

 

Ein Kunstprojekt über Gemeinsamkeit ist nur gemeinsam möglich. Das Publikum liefert den Text, wir ummanteln ihn mit Kunst, durchdringen ihn mit Stimme und Musik. Vielleicht ist es kein Ball, den wir auswerfen, vielleicht ist es ein Band. Wir hoffen sehr, dass es ein Band ist und die verbindende Kraft der Kunst auch an diesem Projekt sichtbar werden kann.

 

Vielleicht müssen wir uns alle neu kennenlernen, um uns wieder besser zu verstehen. Vieles kommt gerade in falsche Kehlen. Weil man nicht mehr weiß, wo sie ankommen, die Worte. Weil die Vorstellungen und Meinungen so auseinandertriften zu dem vorherrschenden Thema, das viele schon nicht mehr hören können. Die großen Probleme der Welt verschwinden aber nicht von selbst und sind auch nur gemeinsam zu lösen. Wir können auch Corona nur in gemeinsamen Schritten besiegen. Und alle können dazu etwas beitragen, auch die Kunst. Und auch unsere Zukunft, wo weitere große Herausforderungen warten, wird nur gemeinsam zu meistern sein.

 

VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT

Eine andere Möglichkeit, sich mit unserer Zeit künstlerisch zu befassen, ist es, Biografien und Geschichten aus der Vergangenheit zu finden und zu erzählen, die auch uns Heutigen noch viel sagen und geben können. Das machen wir mit VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT, unserem kommenden Theaterstück über Milena Jesenská. Im Zuge unserer Kafka-Recherchen haben wir diese mutige Prager Journalistin wiederentdeckt, die als Kafkas innige Briefliebe bekannt geworden ist, deren eigene Lebensspuren aber kräftig genug sind, dass man ihnen nachgehen sollte.

 

Milenas Leben fiel in eine sehr bewegte Zeit mit zwei Weltkriegen, einer Epidemie und vielen sozialen Spannungen. Trotz aller Herausforderungen ihrer Zeit und vielen privaten Höhen und Tiefen verlor Milena aber nie den Mut. Auch nicht, als ihr Arztvater sie viele Monate in die Psychiatrie stecken ließ, wo man ihr u.a. „moralischen Irrsinn“ attestierte.

 

Wir werden Ihnen Milena als sehr mutige und offenherzige Frau näher vorstellen, als eine vielschichtige und widersprüchliche Frau, die auch ihre dunklen Seiten nicht verbarg und immer für sie einstand. Die schon als Mädchen Normverletzungen machte, die sie jedoch auch zur späteren Widerstandskämpferin prädestinierten. Schon als Kind übernahm Milena für ihre sterbenskranke Mutter soziale Verantwortung, indem sie sie pflegte. Später, während der Nazi-Zeit, rettete sie dann durch ihre Unerschrockenheit und ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft vielen Menschen das Leben.

 

Milena war in jeder Hinsicht eine Grenzgängerin, ihr Lebensweg voller radikaler Wendungen, aber sie folgte ihren Überzeugungen mit einer Geradlinigkeit und Selbstlosigkeit, wie man es vermutlich nur selten findet. Und ihre große Sensibilität und innere Stärke schienen sich dabei nicht im Weg gestanden zu haben. Milena war auch voller Leidenschaft für ihren Beruf und die Stimmungen, die sie in ihren Reportagen und Feuilletons einfing, zeugen bis heute von Liebe und Empathie. Gleichzeitig war sie auch eine entschiedene und kluge Querdenkerin, was ihr auch manchmal den Job kostete. Dann musste sie auch manchmal Bettelbriefe schreiben anstatt Zeitungsartikel. Aber es war nicht beschämend für sie, helfen ist doch ganz normal, oder? Jedenfalls hat Milena immer allen geholfen, ob Freund oder Feind, und es wäre ihr völlig wesensfremd gewesen, aus ideologischen Gründen oder persönlichen Kränkungen Hilfe zu verweigern: „Wir sind keine Richter und lassen Sie uns bitte keine Moralisten sein. Wir sind Menschen. Und es ist notwendig, auch einem Feigling zu helfen…“, schrieb sie einmal an eine Leserin, die Rat bei ihr suchte. 

 

„Politische Artikel müssen geschrieben werden wie Liebesbriefe…“, auch das ein Zitat Milenas, das sie charakterisiert. Den Menschen hinter dem „Feind“ auszumachen, sei es in privaten oder politischen Zusammenhängen, war sicherlich eine der größten Stärken von Milena Jesenská in ihrem Leben und in ihrem Schreiben. Diese Frau kann uns Heutigen wirklich ein großes Vorbild sein.