Die Sonne scheint jeden Frühling auf eine Wiese voller Blumen; und wenn das die einzige Sicherheit auf der Welt ist, will ich mich daran klammern. MILENA

Liebes Publikum!

 

Während die Bäume ihre Blätter verlieren, blüht die Kunst diesen Herbst wieder aus allen Ecken und Enden und alle wollen etwas sagen, zeigen, teilen. So auch wir. Das unmittelbare Zusammentreffen im Theater, um gemeinsam zu erleben, was im Stillen gereift ist, und dabei zu sehen, wie es weiterwächst mit einem Publikum, auf das freuen sich wohl alle aus dem Künstlervölkchen. So auch wir.

Unser Programm, das wir Ihnen hiermit vorstellen möchten, ist nicht auf dem Reißbrett entstanden. Es folgt keinem Kalkül, keinem Motto, sondern erwuchs wild und zufällig aus Ideen, Kontakten, Interessen, Anliegen in dieser unberechenbaren Zeit. Ergeben hat sich ein Baum, der viele verschiedene Früchte trägt. Und wenn wir ihn nun im Ganzen betrachten, sehen wir dann doch eine Maserung, die nicht nur zufällig ist.

GASTSPIELPROGRAMM

Entgrenzung und die Vielfalt der Kulturen sind die augenscheinlichsten Merkmale unseres aktuellen Gastspielprogramms. Die Musik abseits des Mainstream ist von seltener Schönheit und Glaubwürdigkeit. Sie ist aus unterschiedlichen Kulturen entstanden durch gegenseitige Inspiration und persönliche Interpretation. Als stets offene, verbindende und sehr direkte Klangkunst hat Musik immer schon von verschiedensten Einflüssen gelebt. Diese grenzenlose Welt der Musik in mehreren Konzerten und mit hervorragenden Musiker*innen in unserem Theater zu haben, ist eine wahre Freude. Aber auch Musik als verträumte und befremdliche akustische Grenzerfahrung gibt es an einem sehr speziellen Abend zu hören. Und dieser Abend wurzelt in der Ukraine.

Viel Überraschendes bieten auch die anderen Genres, etwa Poetry Slam. Erstmals gibt es diesen unberechenbaren Dichter-Wettstreit auch bei uns im Haus und verspricht aufgrund seiner Offenheit maximale Genrevielfalt.

 

Und auch vom Improtheater, der spontansten Form unserer angestammten Kunst, gibt es ein neues und unbändiges Unterfangen, nämlich die gesamte Vielfalt dieser demokratischen Theaterkunst an nur einem Abend vorzustellen.

Das Überwinden von Grenzen mittels Erinnerung und Fantasie, um dem eigenen Gefängnis zu entkommen, diese große Kunst wird uns ein Tanzsolo vor Augen führen. Mit Tanz lassen sich berührende Geschichten über die innersten Gefühle und Sehnsüchte eines Menschen durch seinen Körper erzählen. Diesmal vor allem, um damit dem Schmerz zu entkommen und das Menschliche siegen zu lassen.

Ganz weg von der Erde, um auf einem unbekannten Planeten einen Neuanfang zu wagen bzw. diesen gleich auch wieder in Besitz zu nehmen? Mit der vielfältigen Sprache der Fantasie wird uns ein Clownstück dieses grenzenlose Abenteuer fiaskoreich vor Augen führen.

Das Erzählen persönlicher Geschichten oder der Lebensgeschichten anderer Menschen, auch das gibt Kunst Sinn. Dabei auch verborgene Schätze zu heben, ist eine Leidenschaft, der sich Kunst und Wissenschaft gleichermaßen widmen.

 

Ein bedeutender Gastspiel-Abend, der beide Bereiche zusammenfinden lässt, widmet sich musikalisch, literarisch und dokumentarisch einer höchst produktiven Linzerin: Hedda Wagner. Sie war so vielseitig begabt, dass sie sich nicht einsortieren lässt in eine Strömung, in den Mainstream. Im Strom der Zeit ging ihr Name dennoch unter und wurde nahezu vergessen. Sie war Dichterin und Frauenrechtlerin, Komponistin und Journalistin, Katholikin und Sozialdemokratin. Vorgestellt wird ihr Leben und Werk zwischen 1938 und 1945 und das, was sich trotz aller Vielseitigkeit immer durchzog, ihr Humanismus.

EIGENPROGRAMM

Eine Frau voller Widersprüche, die ebenfalls in einer Umbruchzeit lebte und ebenfalls fast vergessen wurde, obwohl sie so viel bewirkt hat, ist die mutige Prager Journalistin und Widerstandkämpferin Milena Jesenská. Nach unserem ersten Teil ihrer Biografie VOR DEM FENSTER LIEGT DIE WELT, der wiederaufgenommen wird, kommt nun auch der zweite Teil zur Premiere: DAS IST DAS LEBEN.

Beide Stücktitel sind Zitate aus Milenas publizistischem Werk, denn sie hatte ihr Fenster ganz weit geöffnet, bis in unsere heutige Welt. Ihre Weitsicht war wirklich enorm. Und was sie uns sagen kann, über das Leben und die Menschen, könnte uns helfen, auch unsere heutige verzwickte Zeit besser zu verstehen. Dabei behauptete Milena nie nur eine Wahrheit, sondern richtete ihren klugen und empathischen Blick stets unter alle Oberflächen. Die große Einsicht in die Widersprüchlichkeit aller Dinge und allen Seins bewahrte Milena davor, moralistisch zu sein. Und so wirkte sie oft irritierend, aber nicht provokant. Sie war nur ehrlich. Auch hatte sie keine Lust, sich selbst zu betrügen. Denn was ist die Alternative? Das Verharren in der Scheinberuhigung? Der gefährliche rasende Stillstand? Schein- und Doppelmoral? Eine wieder ins Intolerante und Dogmatische kippende politische Korrektheit?

Milena blieb eine leicht entflammbare Idealistin, obwohl sie den Abwärtsspiralen tatkräftig trotzte. Und dafür benützte sie auch ihren Schmerz, den sie in große innere Stärke verwandelte. Oft argumentierte sie auch mit Hausverstand anstatt mit harter Logik, und sie schrieb oft aus dem Bauch heraus. Milena war trotzdem eine Philosophin, denn sie trachtete immer nach Sinn. Stets folgte sie dabei ihrem inneren Kompass und ging stets offen und aufrichtig auf die Menschen zu. Vor der Arbeiterschaft verneigte sie sich, ohne sich zu ihr hinunter beugen zu müssen. Ihre Einfachheit und Bescheidenheit musste sie aber erst lernen. Und sie war intelligent und sensibel genug, das zu tun. Milena tat überhaupt immer, was sie tun musste. Und half dabei jedem, der ihre Hilfe brauchte, über alle ideologischen Grenzen oder persönlichen Kränkungen hinweg. Aufrecht stehen und helfen, das war Milenas Prinzip. Mit der Unerschrockenheit ihres Herzens rettete sie vielen Menschen das Leben. Ihr eigenes verlor sie. Doch vieles, was in ihrem öffentlichen und privaten Schreiben bis heute bewahrt ist, könnten auch wir uns zu Herzen nehmen:

Heute kommt es auf alle an – und zwar auf jeden einzelnen. Es ist und bleibt die größte Krankheit des europäischen Menschen, sich zu fügen und unterzuordnen, „weil man halt leben muss“. Zu wissen, wie wir leben wollen, ist das Vordringlichste, und dieses Wie ist für ebenso wichtig zu halten wie das Leben selbst. MILENA

Wie wir in den sozialen Medien miteinander umgehen, das ist eine eigene Geschichte. Mit der Wiederaufnahme unseres Jugendstücks OUT! - GEFANGEN IM NETZ starten wir daher wieder schrittweise unsere Schulschiene und bieten Vormittagsvorstellungen für Schulklassen zum Thema Cybermobbing an.

Unsere zweite Eigenpremiere, eine Weltraum-Komödie, ist in unserem Abendprogramm zu entdecken und trägt den verheißungsvollen Titel SCHWERELOS. Schwerelos, das muss ein herrliches Gefühl sein, und so kapert eine junge Wissenschaftlerin eines Nachts das Raumschiff ihres amerikanischen Milliardärs, um den Rest ihres Lebens im All zu kreisen. In den unendlichen Weiten des Weltraums sieht sie nun unsere blaue Kugel scheinbar unversehrt in ihrer ganzen Schönheit. Was die Menschen alles mit ihr angestellt haben, war aber nicht länger auszuhalten. Und so ist sie nun froh, der Erde entkommen zu sein und nichts anderes mehr hören und sehen zu müssen als Stille und Sterne. Nur manchmal holt sie sich eine irdische Annehmlichkeit aus einem Wandschrank hervor und dabei fällt ihr plötzlich etwas vor die Füße, womit sie überhaupt nicht gerechnet hat. Es ist der Putzmann Erol, ein Schwarzarbeiter, der zur Unstunde arbeiten musste, als sie heimlich abgehoben hat und der nun unbedingt wieder auf die Erde zurück will.

In dieser herrlich leichtfüßigen und zugleich tiefsinnigen Komödie prallen zunächst zwei scheinbar ganz unterschiedliche Weltsichten aufeinander. Doch ist einmal der äußere Ballast abgeworfen, treffen sich die wahren Wünsche und Sehnsüchte der Menschen in den Tiefen ihrer eigenen Universen.

Ein buntes und gehaltvolles Programm mit vielen außergewöhnlichen Abenden erwartet Sie also im Herbst in der Tribüne Linz. Denn der Herbst ist Erntezeit, auch in der Kunst. Viel Neues ist uns erwachsen. Wir dürfen uns freuen!

Cornelia Metschitzer & Rudi Müllehner

Theaterleitung

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© Reinhard Winkler